Mittwoch, 23. Juli 2014

Engagierte TV-Serie: »Treme«

Wir lesen nicht nur engagierte Literatur, sondern schauen auch fleißig diverse TV-Serien. Da auch diese in unseren Augen engagiert sind, haben wir eine kleine Exkurs-Reihe zu unseren Lieblingsserien gestartet. 

Foto: Roland Büchter
Da ich ein großer Fan von The Wire bin, wollte ich unbedingt auch David Simons Serie Treme über New Orleans sehen. Wie so oft bei guten Serien, ist es schwierig sie auf dem deutschen Markt zu bekommen... (warum eigentlich???) Ich hatte die Serie, die von 2009-2013 in den USA lief, schon fast wieder vergessen als ich zufällig in einem Laden in Frankreich auf die komplette Serie als DVD-Box stieß. (Hierzulande kann man leider nur die ersten drei Staffeln als teuren UK-Import kaufen...!) Ich habe gleich zugeschlagen, und in diesem Fall lohnte es sich richtig, da noch eine CD mit dem Soundtrack zur Box gehörte. Und damit bin ich beim Inhalt dieser grandiosen Serie: es geht um das Leben in New Orleans nach Katrina. Aber in erster Linie geht es um Musik.

Die Handlung setzt ein paar Monate nach dem Hurrikan ein. Die ersten BewohnerInnen kommen zurück nach New Orleans und stehen vor ihren zerstörten Häusern. Es gibt in vielen Teilen der Stadt keine Stromversorgung und kein Wasser. Es fehlt an Material und an Fachkräften um die Stadt wiederaufzubauen. Und an Geld. Die Versicherungen zahlen nicht oder nur langsam, die von der Regierung bereitgestellten Notunterkünfte reichen nicht aus, die Aufbauhilfe fließt nur zögerlich. Bei den Ärmsten scheint sie überhaupt nicht anzukommen.
Wie auch bei The Wire öffnet sich Treme über die Geschichten der Hauptfiguren zu einem Porträt der amerikanischen Gesellschaft. Zu den Hauptfiguren gehören u.a. ein DJ und exzessiver Musikliebhaber, ein desillusionierter Literaturprofessor und Gelegenheitspolitiker (grandios gespielt von John Goodman), eine Restaurantbesitzerin und Köchin, ein Mardi-Gras Indian sowie dessen Sohn, der erfolgreicher Jazzmusiker ist. Die Hauptrolle in der Serie spielt allerdings die Musik, und so darf man sich auf eine Reihe von Gastauftritten unterschiedlichster international bekannter oder lokaler MusikerInnen freuen, z.B.  Allen Toussaint, Dr. John, Elvis Costello, Steve Earle, Sammie Williams usw.
Die DVDs enthalten Musikkommentare zu allen Episoden, so dass Treme nicht nur gute Unterhaltung, sondern gleichzeitig auch eine Einführung in die Entstehung und Entwicklung eines wichtigen Teils amerikanischer Kultur ist: wir sehen und hören Jazz, Blues, RnB, Bluegrass, Zydeco, Brass und Cajun. Neben der Musik spielen auch die kulinarischen Besonderheiten der Region eine Rolle. Und natürlich die vielen traditionellen Feste, von denen der Mardi Gras der jährliche Höhepunkt ist.

Im Verlauf der Serie, die trotz der Zerstörungen durch Katrina optimistisch und mit einem starken Willen der Bevölkerung die Stadt wieder aufzubauen beginnt, wird nach und nach ein kritischerer Ton angeschlagen. Mit dem Fließen der Gelder für den Wiederaufbau kommt es zur Korruption, die Stadt schafft es nicht die Infrastruktur wiederherzustellen, die Situation nach dem Hurrikan wird genutzt um Sozialbauten zu schließen oder gar abzureißen, und so die ehemaligen BewohnerInnen an der Rückkehr nach New Orleans zu hindern. Die wenigen, die geblieben oder wiedergekommen sind, kämpfen ums wirtschaftliche Überleben. Und dennoch...die Stadt erfindet sich neu, in dem sie sich auf ihre Traditionen und ihre Kultur besinnt. 

Ein fantastisches Porträt New Orleans', der Musik, des Essens und der Traditionen des amerikanischen Südens. 

Von Jessica
 

Samstag, 19. Juli 2014

Rezension: »Konzentriert Euch! Eine Anleitung zum modernen Leben« von Daniel Goleman

Während ich diesen Blogeintrag schreibe, habe ich parallel zwei E-Mail-Programme offen, warte auf einen Rückruf, trinke meinen Morgentee, schaue schnell zwischendrin mal Nachrichten und plane auf einer To-Do-Liste die nächste Woche.

Nach Konzentration auf das Wesentliche hört sich das nicht an. Multitasking, das haben wir in den letzten Jahren erfahren, ist wenig hilfreich, um konzentriert und zielführend zu arbeiten. Umso dankbarer sind gestresste Menschen über Sachbücher, die Abhilfe aus der Misere versprechen. Konzentriert Euch! Eine Anleitung zum modernen Leben, das neue Sachbuch des Psychologen Daniel Goleman (der für seinen Beststeller Emotionale Intelligenz noch Jahre nach dessen Erscheinen in aller Munde ist) scheint genau solch ein Buch zu sein.

Doch in gewisser Weise wird diese Erwartung, Konzentriert Euch! sei eine Anleitung fürs Wesentliche, nicht erfüllt. Denn auch wenn Goleman immer mal wieder auf das Spannungsverhältnis Konzentration-Stress-Multitasking zu sprechen kommt, dominieren in seinem Werk Themen, die wieder in Richtung emotionale Intelligenz gehen - mit starker Emphase auf den Fähigkeiten, die eine Führungskraft mitbringen muss.

Wer sich also ein Sachbuch wünscht, das Anleitungen gibt, wie wir uns im Alltag auf das Wesentliche konzentrieren können, wird enttäuscht. Für (angehende) Führungskräfte und Menschen, die alles rund um das große Themenfeld emotionale Intelligenz interessiert, ist Konzentriert Euch! definitiv ein kurzweiliges und interessantes Lehrwerk - allerdings mit einigen Schnitzern: So ist beispielsweise die Formulierung (oder Übersetzung?) »Ein frustrierter Gemüsehändler verbrennt sich auf einem Marktplatz in Tunesien und liefert damit den Zündfunken für den Arabischen Frühling« daneben geraten. Denn aus Frustration verbrennt man sich nicht selbst, sondern aus purer und allumfassender Verzweiflung.

Dieser Satz ist umso verwunderlicher, da die Empathie ein zentrales Kapitel in Golemans Buch einnimmt. Einerseits ist Goleman von der Wirkmacht von Empathie für unsere Mitmenschen und auch im beruflichen Kontext überzeugt, die wir durch Konzentrationsleistung ausbilden können. Andererseits macht er in diesem Zusammenhang aber auch auf eine Hierarchisierung unserer Gesellschaft aufmerksam, in der Empathie, beziehungsweise die Aufmerksamkeit, die wir anderen schenken, Ausdruck für ein Unterordnungsverhältnis sein kann. Goleman formuliert dies als »Verteilung der Aufmerksamkeit entsprechend der Machtverhältnisse« und bringt dafür ein einfaches Beispiel: »Je länger jemand eine E-Mail ignoriert, bevor er schließlich darauf reagiert, desto mehr gesellschaftliche Macht hat diese Person im Verhältnis zur anderen.«

Das stärkste Element seines Buches ist wohl Golemans Plädoyer für systemisches Denken: Denn diejenigen, die Systemzusammenhänge erkennen können - was für Goleman ein Produkt aktiven konzentrierten Denkens sein kann - haben damit eine wesentliche Fähigkeit zur Hand, um Visionen entdecken und in die Tat umsetzen zu können.

Daniel Goleman: Konzentriert Euch! Eine Anleitung zum modernen Leben, München: Piper, 2014.

Von Anne-Kathrin

Samstag, 12. Juli 2014

Was kann engagierte Literatur? Sie schafft Interesse für die gemeinsame Welt!

Welche Wirkmacht hat engagierte Literatur eigentlich auf einen selbst?

Auf diese Frage haben wir nach knapp vier Jahren Literaturclub (vier Jahre!) einige Antworten gefunden. Eine davon lautet: Mithilfe einer spannenden Geschichte und dem empathischen Vorgang des In-sich-hinein-Versetzens in eine literarische Figur (oder mehrere) lernen wir die Welt aus einer anderen Perspektive kennen - und wir lernen in diesem Prozess auch, mehr Aufmerksamkeit für Themen, Orte und Menschen aufzubringen, die nicht zu unserem unmittelbaren »Circle of concern« gehören.

Jüngst habe ich wieder ein Beispiel dafür erlebt: Endlich las ich Drachenläufer von Khaleed Hosseini. Ausgangspunkt des Romans ist die Jugendzeit der Hauptfigur Amir in Afghanistan Ende der 1970-Jahre, die zunächst in eine heile Welt eingebettet ist. Doch die Erzählung erstreckt sich auch auf die Invasion der Sowjetunion in Afghanistan im Dezember 1979 und die darauffolgende Radikalisierung des öffentlichen Lebens durch die Taliban.

Die Geschichte um die Freundschaft zwischen Amir und seinem ungleichen Freund Hassan ist wunderschön erzählt - schon deshalb lohnt es sich, den Roman zu lesen. Was Drachenläufer aber vor allem in mir geweckt hat, ist ein stärkeres Interesse für Afghanistan. Natürlich habe ich seit 2001 mit einem Auge auf den Nachrichtenbildern das Kriegsgeschehen in Afghanistan verfolgt. Aber mein Wissen zu diesem Konflikt war doch leider immer fragmentiert, genauso wie meine Aufmerksamkeit für das Land und seine Bevölkerung.

Dank des Romans interessiere ich mich nun in viel stärkerem Maße für Afghanistan und seine Geschichte, und verstehe die jüngsten Ereignisse viel besser als früher - weil der Roman mir eine emotionale Komponente zu dem Land und vor allem den AfghanInnen geschenkt hat, die mein Interesse nun in viel stärkerem Maße auf die politischen und gesellschaftlichen Ereignisse in Afghanistan lenkt.

Von Anne-Kathrin

Sonntag, 6. Juli 2014

Rezension »Euromaidan. Was in der Ukraine auf dem Spiel steht«, herausgegeben von Juri Andruchowytsch

Im Laufe der Proteste auf dem Maidan in Kiew entstand eine Menge an Texten über die Ukraine, die Proteste und den Beweggründen für die Ereignisse auf dem Maidan, sowohl in den sozialen Medien, als auch in der Presse. Im vorliegenden Buch hat Juri Andruchowytsch nun Beiträge zusammengestellt, die versuchen die Ereignisse auf dem Maidan und in der Ukraine zu beleuchten und zu fassen.

Es kommen sowohl TeilnehmerInnen der Proteste auf dem Maidan zu Wort, als auch UkrainerInnen die im Ausland leben. Außerdem sind einige Beiträge von PolitikwissenschaftlerInnen, SoziologInnen und HirstorikerInnen enthalten, die versuchen die Tatsachen darzustellen und einige Entwicklungen zu erklären. Die Texte des vorliegenden Bandes stammen hauptsächlich vom März 2014. Dazu kommt ein Fotoessay, der die Proteste und vor allem die Protestierenden begleitete, die aus ihrem Alltag in den Protest getreten waren.

Was bei den Texten der TeilnehmerInnen des Protests zuerst auffällt ist die starke Heroisierung der Protestierenden und die häufige Verwendung des Heldenbegriffs, zusammen mit einer Enttäuschung über das Verhalten der europäischen PolitikerInnen und Bevölkerungen. Die meisten waren von der Breite, dem Durchhaltevermögen und der brutalen Entwicklung der Proteste überrascht. Ein Journalist postet auf Facebook, dass er zum Maidan geht und daraus wird eine Revolution. 
»Die Wochen des blutigen Widerstands haben die Ukraine verändert. […] Ein Zurück gibt es nicht. Und das gilt für alle: für die Demonstranten, für die Polizisten, aber auch für die Kriminellen, die auf der Seite der Regierung gestanden haben.«
Dass es sich bei den Ereignissen in der Ukraine um eine Revolution handelt, stellt keine/r der AutorInnen in Frage. Es wird deutlich, dass die Beteiligten von der brutalen Entwicklung der Ereignisse geprägt sind und dabei tiefe Gräben geschaffen wurden. Diese sind sowohl zwischen den verschiedenen Oppositionen und der Staatsmacht entstanden, aber auch gegenüber dem von Putin geführten Russland. Viele AutorInnen stellen das Verhalten und die Aktionen des alten Regimes in direkten Zusammenhang mit Russland und versuchen die Argumente, die in Russland gegen die Revolution stark gemacht werden, mit Berichten, Umfragen und Analysen zu widerlegen. Gleichzeitig werden die ersten Stimmen laut, die deutlich machen, dass die Neuwahl des Präsidenten und die Rückkehr alter Oppositioneller keineswegs das Ziel der Protestbewegung war.

Euromaidan bietet meiner Ansicht nach eine interessante Zusammenstellung von Beiträgen und vermittelt uns die Gefühle einiger ProtestteilnehmerInnen rund um die Ukraine-Krise. Zusammen mit den wissenschaftlichen Darstellungen und den Erklärungsversuchen der Beteiligten so kurz nach den Protesten - und während der Umbruch noch in vollen Gängen ist - gibt das Buch einen Einblick über das Geschehen. Außerdem bringt es uns LeserInnen auch dazu uns nach der eigenen Einstellung und der Vorstellung von Europa zu fragen. Die AutorInnen zeigen keine Lösung auf, sondern verlangen vielmehr von uns, über die Entwicklungen nachzudenken und das Geschehen aktiv weiterzuverfolgen. 

Von Julia
  
Juri Andruchowytsch (Hrsg.): Euromaidan. Was in der Ukraine auf dem Spiel steht, Suhrkamp Berlin 2014

Mittwoch, 2. Juli 2014

Rückblick: unsere Themen im Juni

Wir werfen jeden Monat einen Rückblick auf unsere Posts - und wollen euch so die Orientierung und das Nachlesen unserer Beiträge erleichtern!



Zu Beginn des Monats erzählt Anne-Kathrin von unserem letzten Vorlesen im SeniorInnenheim. Die Lesung dauerte nur 25 Minuten, aber hat allen - Vorleserinnen und ZuhörerInnen - viel Spaß gemacht!

Eva und Jessica haben schon im letzten Monat nach der Lesung mit Chimamanda Ngozi Adichie von ihrem neuen Roman Americanah geschwärmt. Hier ist nun endlich die Rezension, die euch alle zum Lesen dieses tollen Buchs verführen wird!

Pünktlich zum Start der WM stellt Anne-Kathrin fest: »Public Viewing« war gestern - wir sind Fans von »Public Reading«! Sie fordert uns alle auf mehr öffentlich über Literatur zu diskutieren. Yeah!
Der Vorschlag unserer engagierten TV-Serie des Monats kommt von Freya, die uns Call the Midwife ans Herz legt.  

Auch im Juni haben wir mal wieder eine Lesung besucht. Diesmal waren wir bei der Vorstellung von Unerwünscht. Drei Brüder aus dem Iran erzählen ihre deutsche Geschichte der Brüder Mojtaba, Milad und Masoud Sadinam. Mojtaba und Masoud Sadinam haben aus ihrer bewegenden Geschichte gelesen, aber auch eine spannende Diskussion über Flüchtlings- und Asylpolitik aus einer persönlichen Sicht geführt.

Unsere Leserin Dorith stellt uns in ihrer Rezension erstmals ein engagiertes Kinderbuch vor. Das himmel-blaue T-Shirt von Birgit Prader und Birgit Antoni erzählt behutsam von der Entstehung eines fair-hergestellten T-Shirts.

Wir haben im LitClub das nächste Buch beendet und diskutieren in »Und wie seht ihr das?« Jón Kalman Stefánssons Sommerlicht, und dann kommt die Nacht. Und mal wieder können wir uns nicht einigen!

Und Silvias SUB im Juni enthält ein ehrgeiziges Projekt: sie hat sich Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit vorgenommen!  

Montag, 30. Juni 2014

Silvias SUB im Juni

Lesezeit ist kostbar, insbesondere, wenn man gerade Eltern geworden ist, und eigentlich die gesamte übrig bleibende Zeit zwischen Windeln wechseln, Füttern, Haushalt und in Zukunft wieder Job für sein Promotionsprojekt verwenden sollte. Darf ich abends im Bett überhaupt noch ein Buch lesen, das nicht zu den Primärtexten meiner Dissertation gehört? Ab und an eins zwischendurch sollte nicht schaden, denke ich. Gerade habe ich im Rekordtempo Donna Tartts Distelfink beendet und freue mich nun auf jedes Buch, dass ich in Zukunft immer mal dazwischen schieben werde. In meinem Regal tummeln sich praktischerweise noch ein paar Werke, die schon länger auf ihre Lektüre warten. Darunter ein ganz besonders ambitioniertes Projekt, ganz oben auf der Liste (die daher heute auch nicht allzu lang gerät) ...
 
SUB
 
- Auf der Suche nach der verlorenen Zeit von Marcel Proust
- The Original of Laura von Vladimir Nabokov
- The God of Small Things von Arundhati Roy
- On Beauty von Zadie Smith
- And the Ass Saw the Angel von Nick Cave
- Die Straße von Andreas Maier
 
 
Von Silvia

Samstag, 28. Juni 2014

»Und wie seht ihr das?« - »Sommerlicht, und dann kommt die Nacht« von Jón Kalman Stefánsson

In unserer Rubrik »Und wie seht ihr das?« wollen wir euch unsere Literaturclub-Treffen näher bringen: In Interviewform werden wir euch Fragen und Meinungen präsentieren, die wir so in geselliger Runde an- und ausdiskutiert haben und so gleichzeitig auch die Werke besprechen, die wir lesen.

Was waren Eure ersten Eindrücke bei Sommerlicht, und dann kam die Nacht? 

Jessica: Ich habe ein bisschen gebraucht um mich auf die skurrilen Figuren in diesem Dorf auf Island einzulassen. Doch gleich die erste Geschichte rund um den Geschäftsmann, der sich aus dem Leben zurückzieht, um Latein zu lernen und die Sterne zu studieren, ist so poetisch, kurios und doch auch lebensnah, dass mich das gepackt hat.

Freya: Es war als würde man versuchen, krampfhaft durch ein kleines Schlüsselloch zu luken: der erfolglose Versuch also, tief in das Geschehen einzutauchen. Das Buch hat sicher gewisse Qualitäten, ich kann mir z.B. vorstellen, dass gerade die Distanz zu den Figuren für viele Leser den Witz und die Allgemeingültigkeit der hier beschriebenen Beziehungen und Handlungen verstärkt, aber mich hat es von Beginn an unheimlich frustriert

Julia: Das Setting wirkte im ersten Moment etwas seltsam und mir war nicht klar, wie hier eine interessante Geschichte entstehen sollte. Doch die erste Beschreibung eines Mannes der plötzlich, und ohne Sprachkenntnisse, auf Latein träumt, hat mein Interesse geweckt und ich wollte unbedingt mehr über diese Gemeinschaft wissen. 

Das Buch beschreibt die Lebenswege einzelner Mitglieder der Dorfgemeinschaft. Wie fandet Ihr diese Struktur? 

Jessica: Ich konnte der Erzählung gut folgen und hab mich sehr gern wieder auf jede neue Figur, ihr Leben, Leiden und die schönen Momente zwischen den DorfbewohnerInnen eingelassen. 

Freya: Es war als würde man abwechselnd durch die verschiedenen Fenster eines Puppenhauses schauen. Oder als hätte man einen Schuhkarton voller mit Anekdoten gefüllter Zettel. Damit möchte ich nicht sagen, dass die vom Autor festgelegte Abfolge nicht wohlüberlegt ist, aber es sind eben Bruchstücke eines Ganzes, das man nicht greifen kann. Mir fehlt hier eine große Geschichte, aber das ist natürlich auch Geschmackssache. 

Julia: Ich fand es sehr interessant die verschiedenen Dorfbewohner kennenzulernen und zu lernen, wie sie miteinander in Beziehung stehen. Oft deuteten nur ein, zwei Sätze auf die tatsächlichen Gefühle und Einstellungen der Personen hin. Das ergab ein interessantes Geflecht. 

Gab es eine Person die Euch besonders gefallen oder interessiert hat? 

Jessica: Ehrlich gesagt hat mich besonders der Astronom fasziniert mit dessen Geschichte der Roman beginnt. Er zieht sich für das Studium der Sterne aus seiner Familie, seinem Beruf und dem Dorfleben zurück und scheint auch sonst aus der Zeit gefallen; z.B. korrespondiert er nur per Brief mit anderen Gelehrten aus der ganzen Welt. Durch ihn und sein Interesse für das Universum bekommt das Leben in dem Dorf, was im Anschluss im Verlauf des Romans geschildert wird, eine geradezu philosophische Dimension: das kleine isländische Dorf und seine BewohnerInnen sind ein Teil des Universums. Scheinen ihre Sorgen und Nöte und die Geschehnisse im Dorf auch noch so klein im Vergleich zum Rest der Welt, sind sie dennoch universell: es geht um Liebe, um Sinn, um Verlust, den Tod, Einsamkeit, Freundschaften und Familie. 

Freya: Für mich ging es in dem Roman gar nicht wirklich um die Figuren; er wirkte mehr wie ein Abriss bestimmter Typkategorien. Zwar hatte ich nicht das Gefühl, dass die Figuren bloße Schatten waren oder gar Karikaturen, aber sie wirkten eher wie Marionetten des Autors, was, auch wenn alle Romanfiguren der Welt letztendlich nichts anderes sind, ein Effekt ist, mit dem ich nicht viel anzufangen weiß. Das rote Kleid und der Astronom sowie der Selbstmörder stechen heraus, aber eher aufgrund der Art und Weise, in der die anderen Dorfbewohner sie betrachten als durch ihr eigenes Auftreten. Aber so war es wohl auch vom Autor beabsichtigt. 

Julia: Gleich die erste Figur des sog. Astronomen hat mich sehr interessiert. Er träumt in einer ihm unbekannten Sprache und macht sich daran sie zu erlernen. Anschließend ändert er sein ganzes Leben radikal und in einem winzigen Dorf in Island ist plötzlich eine Person über Briefe mit der ganzen Welt verbunden. Außerdem fand ich Elisabeth mit ihrem (im Dorf so auffälligen) roten Kleid sehr interessant und habe mich gefreut, als auch über sie mehr bekannt wurde. 

Würdet Ihr das Buch als engagiert bezeichnen? 

Jessica: Ich weiß nicht… Der Autor wirft einen Blick in einen kleinen und dadurch häufig vergessenen Winkel der Welt.  

Freya: Ich würde sagen, es ist der Versuch eines engagierten Romans, der sein Ziel aber nicht ganz erreicht. Stefánsson hat philosophisch-poetische Ansätze und versucht, seinen Dorfgeschichten mit eingebetteten Was-ist-der-Sinn-des-Lebens Fragen Gewicht zu verleihen, aber der Versuch wirkt tollpatschig und platt. Beim Lesen wirken genau diese Fragen so offensichtlich, so wiedergekäut, dass das in meinen Augen einzige Potenzial für ein literarisches Engagement antiklimaktisch versickert. 

Julia: Bei dieser Frage bin ich unentschieden. Das Buch beleuchtet auf der einen Seite Gemeinschaften und die Versuche ihrer Mitglieder ihrem Leben einen Sinn zu geben, aber ich weiß nicht ob das in dieser Form besonders engagiert ist. 

Würdet Ihr das Buch weiterempfehlen? Warum (nicht)? 

Jessica: Uneingeschränkt ja. 

Freya: Eigentlich nicht. Tatsächlich muss ich mich aber zwingen, nicht zu sehr nach meinem eigenen Empfinden zu gehen; wer Romane mit einer skizzenhaften, puzzleartigen oder anekdotenhaften Schreibweise mag, ist hier vielleicht genau richtig. Erhellend ist das Buch aber nicht. Vermeintliche Erkenntnisse wie: »Die Suche selbst ist das Ziel, ein Endergebnis würde uns seiner selbst berauben« tauchen immer wieder auf, aber auch wenn manche davon nett formuliert wurden, fehlt mir das Stückchen Weisheit, was ich in jedem Roman zu finden hoffe. Vielleicht ist das Problem mit Sommerlicht schlicht, dass es mich nicht überrascht hat. 

Julia: Unbedingt. Mir hat das Buch aufgrund der vielfältigen Charaktere sehr gut gefallen.

Mittwoch, 25. Juni 2014

Kinderbuch-Rezension: Das himmel-blaue T-Shirt von Birgit Prader und Birgit Antoni

Zusätzlich zu unserer Rezensionsreihe engagierter Krimis stoßen wir und befreundete BloggerInnen immer mal wieder auf engagierte Kinder- und Jugendbücher. Wir hatten bereits einen Themenschwerpunkt zu Engagment in Kinder- und Jugendliteratur und stellen euch nun auch Rezensionen vor.

Das himmel-blaue T-Shirt von Birgit Prader und Birgit Antoni erzählt die Geschichte einer kleinen Baumwollpflanze in Indien, die voller Stolz berichtet, wie sie und ihre Freunde zu einem himmel-blauen T-Shirt verarbeitet werden.

Illustriert mit fröhlichen Bildern werden nicht nur die einzelnen Arbeitsschritte vorgestellt, sondern gleichzeitig kindgerecht erklärt, was fairer und ökologischer Handel für jeden Arbeitsschritt bedeutet.

Nach einer langen Reise erreicht das himmel-blaue T-Shirt Europa und liegt am Ende des Buches für uns zum Kauf bereit. Das kleine Mädchen in der Geschichte ist hingerissen von den strahlenden Farben und wünscht sich nichts sehnlicher als dieses wunderschöne T-Shirt. Schließlich versteht auch die Mutter, warum fairer Handel wichtig ist und ein auf diese Art produziertes T-Shirt mehr kostet als einen Euro.

Das Buch ist angenehm vorzulesen und mit seinen vielen bunten und fröhlichen Bildern auch sehr schön anzusehen. Empfohlen wird das Buch ab drei. Aber meine Tochter hat es schon mit zwei Jahren mit Vergnügen vorgelesen bekommen und auch mein Sechsjähriger setzt sich nach wie vor gern dazu.

Von Dorith

Bloggerin auf denkschablone - Austausch über aktuelle Themen der Sozial-, Geistes- und Kulturwissenschaften und Wackelpudding - Blog über Feminismus und Familie 

Das himmel-blaue T-Shirt…und wie es entsteht. Von Birgit Prader und Birgit Antoni. Erschienen im Annette Betz Verlag.

Sonntag, 22. Juni 2014

In Deutschland »Unerwünscht«? - Lesung mit Mojtaba und Masoud Sadinam


Am vergangenen Mittwoch stellten Mojtaba und Masoud Sadinam das gemeinsam mit ihrem Bruder Milad verfasste Buch Unerwünscht. Drei Brüder aus dem Iran erzählen ihre deutsche Geschichte in Gießen vor.
Ich hatte das Buch bereits gelesen (und hier rezensiert) und war sehr gespannt auf die Veranstaltung, die mehr sein sollte als eine Lesung. Gleich zu Beginn machten die beiden Brüder deutlich, dass sie jeweils kurze Passagen lesen würden, aber vor allem viel Zeit für die Diskussion der im Buch verarbeiteten Themen lassen wollten.
Der Abend wurde von den Hochschulen in Gießen, der Stadt, dem Landkreis und den Ausländerbeiräten organisiert und entsprechend gemischt war auch das Publikum. Es gab großes Interesse daran mehr über die Erlebnisse der Brüder als Asylsuchende in Deutschland zu erfahren. Auch über ihre Einschätzungen der deutschen Asyl- und Flüchtlingspolitik. Mojtaba und Masoud Sadinam zeigten sich sehr offen, ließen die ZuhörerInnen den Diskussionsverlauf durch ihre Beiträge frei bestimmen und beantworteten auch persönliche Fragen, z.B. danach, was für sie Heimat bedeutet und ob sie sich in Deutschland zuhause fühlten. Durch ihre natürliche und sympathische Art und die authentische Präsentation ihrer Lebensgeschichte schafften sie eine vertrauliche Atmosphäre, trotz der ca. 80 ZuhörerInnen im Raum.

Das Buch erzählt von der Flucht aus dem Iran, den Ängsten der damals noch jungen Brüder, ihr Bangen und Hoffen auf Asyl in Deutschland und der kalten und abweisenden Bürokratie-Maschinerie, auf die sie trafen. Es ist aber auch eine Geschichte des langsamen Ankommens in der deutschen Gesellschaft durch neue Freundschaften und Unterstützung von Fremden. Besonders beeindruckend und bedrückend ist dabei die durch die Kinderaugen erzählte Geschichte der Mutter der drei Brüder, eine politisch aktive Feministin und starke Persönlichkeit, die langsam durch die Mühlen der deutschen Bürokratie bis zum Zusammenbruch zermürbt wird. Die Passagen, die aus der liebevollen und besorgten Perspektive der Söhne vom Kampf der Mutter um eine sichere Zukunft für die Familie erzählen, den sie nach und nach zu verlieren droht, sind die stärksten und ergreifendsten des Buches.

Eine Zuhörerin fragt gegen Ende der Veranstaltung, was wir - das Publikum - nach Meinung der Autoren machen können, um Asylsuchende und Flüchtlinge in Deutschland zu unterstützen. Auf keinen Fall mit einer paternalistischen Helferhaltung auftreten, ist die Antwort, eher durch Sachspenden helfen oder bei Behördengängen begleiten. Und auf politischer Ebene die Anliegen der Asylsuchenden unterstützen.

Ein erster Schritt ist die Lektüre von Unerwünscht.

Von Jessica

Mojtaba, Masoud und Milad Sadinam: Unerwünscht. Drei Brüder aus dem Iran erzählen ihre deutsche Geschichte. Berlin: Bloomsbury, 2012.

Donnerstag, 19. Juni 2014

Engagierte TV-Serie: Call the Midwife

Wir lesen nicht nur engagierte Literatur, sondern schauen privat auch fleißig diverse TV-Serien. Da auch diese in unseren Augen engagiert sind, haben wir eine kleine Exkurs-Reihe zu unseren Lieblingsserien gestartet.

Erste Reaktion: Puh, ich weiß ja nicht...
 
Zum letzten Weihnachtsfest bekam ich eine farbenfrohe, nostalgische DVD-Box, die mich zunächst dazu brachte, die linke Augenbraue zu kräuseln. Auf dem Cover abgebildet war eine Unmenge an Babies, Nonnen, und Krankenschwestern in 50er-Jahre-Kluft. Eine Serie, in der Hebammen auf Fahrrädern zu ihren Patientinnen düsen? Das mutet zum einen sehr einseitig und zum anderen sehr kitschig an. Ich war nicht sicher, ob wir Freunde werden würden... 
 
Die 50er Jahre mal anders 
 
Poplar, East End, London: die junge Jenny tritt gerade ihre neue Stelle im Kloster Nonnatus an, wo sie auf ein charmantes kleines Grüppchen anglikanischer Nonnen und Hebammen trifft. Diese haben es sich zur Aufgabe gemacht, vor allem Frauen, die sich keine Geburtsvorsorge leisten können, medizinisch und menschlich zur Seite zu stehen
 
Aber während man beobachtet, wie der NHS seine ersten Schritte tut und Schwangere sich an Schnaps und Glimmstängel erfreuen, erlebt man Charaktere und Geschichten, die sich um viel mehr drehen. Was die 50er Jahre angeht, haben wir immer noch das Bild einer Dekade, in der Frauen vor allem eins waren: Hausfrau, Ehefrau, Mutter. Doch Call the Midwife überbrückt die vermeintliche Schlucht zwischen Häuslichkeit und Emanzipation. Männer verkommen hier nicht zu Statisten – es gibt Ehemänner, Geliebte, Freunde, Ärzte, und Hausmeister – doch helfen hier vor allem Frauen Frauen, und sich selbst. 
 
Krankenhausserie mal anders

Und dabei lernt man eine ganze Menge. Die Geschichten sind ein Hybrid aus spektakulär und alltäglich. Da gibt es die 24-fache spanische Mutter, deren britischer Mann sie in sehr jungen Jahren aus dem Krieg mitbrachte. Dass das Paar immer noch keine gemeinsame Sprache hat, trübt das Eheglück nicht. Es gibt Rassismus, Teenager-Mütter und häusliche Gewalt. Aber es geht auch um vereinsamte alte Menschen, Behindertenrechte – in der bisher beeindruckendsten Folge –, und die Schicksale der Hauptpersonen selbst. 
 
Lieblingsfiguren? Alle! 
 
Bernadette und Chummy gibt es sogar gehäkelt (Foto: Amy K.) *
Da wären z.B. Schwester Bernadette, die an ihrer Berufung zweifelt, die unbeholfene, burschikose Chummy, die unter ihrer blaublütigen Mutter leidet, und die demenzkranke Kuchen-Kleptomanin Schwester Monica Joan. Während Jenny selbst neben ihren Kolleginnen zunächst ein wenig verblasst, nimmt auch ihre Geschichte bald Fahrt auf – sie mausert sich zu einer starken Figur, die man nicht missen möchte (allerdings ab Staffel vier missen wird). 

Nicht zuletzt sollte erwähnt werden, dass die Serie auf den Memoiren von Jennifer Worth (ebenfalls fantastisch geschrieben) basiert. Eine beeindruckende Dame, die neben Hebamme und Mutter auch erfolgreiche Konzertpianistin und letztendlich Autorin wurde. 
 
Fazit: 
Die Mischung aus nostalgischem Charme, Witz und Dramatik kommt überraschend publikumsnah und ohne Seifenoperncharakter daher und hat auch heute noch Relevanz: ihr Bestreben, der "James Herriot of Midwifery" zu werden, ist Jennifer Worth auf zweifache Weise gelungen! Schaut doch mal rein! 

Von Freya

*Die Veröffentlichung des für diesen Artikel verwendeten Bildes erfolgt mit ausdrücklicher Genehmigung der Rechteinhaberin. 

Freitag, 13. Juni 2014

»Public Viewing« war gestern - wir sind Fans von »Public Reading«!

Ich habe bereits hier und hier einige Gedanken der US-amerikanischen Philosophin Martha Nussbaum zur Relevanz von Literatur für gute politische Praxis vorgestellt. In einem ihrer neuesten Werke, Political Emotions. Why Love Matters for Justice, geht Nussbaum zudem darauf ein, wie wichtig öffentliche Diskussionen über Literatur sind.

Denn »public book conversations« eigneten sich sehr gut, um eine Kultur für einen öffentlichen Dialog zwischen BürgerInnen zu schaffen.

Nussbaum nennt als Beispiel das »One City One Book«-Programm (das es beispielsweise in Dublin und Chicago gibt), in dessen Rahmen alle Interessierten in einer Stadt ein und dasselbe Buch lesen (zum Teil auch organisiert, beispielsweise in Schulen) und anschließend darüber öffentlich diskutieren. Flankiert wird ein solches Programm meist mit inhaltlich passenden Vorträgen zu den Hauptthemen des gewählten Buchs.

Aber wichtig sind nicht nur große, stadtumfassende Programme, sondern auch Lesungen, Poetry Slams oder öffentliche Diskussionen über Literatur im kleineren Rahmen beziehungsweise auch in kleineren Städten. In Gießen zum Beispiel bietet das Literarische Zentrum viele solcher Veranstaltungen an - und auch wir von lesErLeben (wie unter anderem im Frauenkulturzentrum). Wir gehen bei unserem Engagement selbstverständlich davon aus, dass Literatur für unsere Gesellschaft und das öffentliche Leben einen essenziellen Wert darstellt.

Laut Nussbaum liegt dieser Wert vor allem darin, dass die TeilnehmerInnen ihre Emotionen zu dem Buch und Erfahrungen über die darin behandelten Themen mit anderen teilen. Dadurch lernten alle Beteiligten andere Perspektiven und Erfahrungen besser kennen:

»One of the benefits reading offers is a kind of intimacy with the lives of people in different groups or classes, something that would be hard to attain through social science data alone, given existing separations.«

Es geht beim »öffentlichen Lesen« also vor allem um das gemeinsame Erleben von Literatur und um Kommunikation, mit deren Hilfe wir unsere Mitmenschen besser verstehen lernen. Das ist für Nussbaum eine der Grundvoraussetzungen für ein gutes Zusammenleben und die gemeinsame Arbeit an freiheitlichen und gerechten politischen Zielen.

Zum Nach- und Weiterlesen:
Martha C. Nussbaum: Political Emotions. Why Love Matters for Justice, The Belknap Press of Harvard University Press, Cambridge/London, 2013.

Von Anne-Kathrin

Dienstag, 10. Juni 2014

Rezension: »Americanah« von Chimamanda Ngozi Adichie

Scharf beobachtet, enorm engagiert und außergewöhnlich schön geschrieben, das ist Chimamanda Ngozi Adichies neuer Roman Americanah.



Am 24. April in der gelungenen deutschen Übersetzung von Anette Grube erschienen, nimmt der Roman die LeserInnen mit auf eine (Lese-)Reise von Afrika nach Amerika, Europa und zurück. Herzstück des Buchs ist die Liebesgeschichte von Ifemelu und Obinze, die in Nigeria ihren Anfang nimmt. 

Auf der Suche nach mehr Wahlmöglichkeiten und Sicherheit gehen die beiden ProtagonistInnen auf unterschiedlichen Wegen ins Ausland und kehren später auf ebenso unterschiedliche Weise nach Afrika zurück. Durch ein kluges Konstrukt, in dem die Chronologie der Geschichte durch zahlreiche Rückblenden immer wieder aufgebrochen wird, begleitet man Ifemelu und Obinze über mehrere Jahre auf ihren Wegen und taucht dabei in ihre Gedanken- und Gefühlswelten ein:

»›Ja.‹ Ihm gefiel, dass sie ›wir‹ sagte, das sah sie ihm an, und ihr gefiel, dass ihr das ›wir‹ so mühelos herausgerutscht war.« 

Andere Perspektiven auf Migration und Rassismus

Neben der Liebesgeschichte sind Schilderungen der Erfahrungen, die die beiden Charaktere als afrikanische MigrantInnen machen, ein zentraler Bestandteil des Romans. So spielen neben Partnerschaft, Familie und Freundschaft auch Themen wie Migration, Kultur, Identität und nicht zuletzt Rassismus eine Rolle. Eine der größten Stärken des Buchs ist, dass die nigerianische Autorin neue Sichtweisen auf diese gesellschaftspolitischen Themen aufzeigt und so in die Geschichte einbaut, dass man als LeserIn staunend weiterlesen möchte. 

Einer der literarischen Kniffe, die Adichie dazu anwendet sind Blogeinträge, die Ifemelu für ihren Lifestyle-Blog schreibt und die als kurze Sequenzen eingeschoben sind. Durch die Blogeinträge und diverse Beobachtungen ihrer weiblichen Hauptfigur eröffnet Adichie vor allem westlichen, weißen LeserInnen eine andere Perspektive auf Themen wie Rasse und Migration. Sie schreibt mutig und klug, benennt Knackpunkte und ist lehrreich, ohne belehrend zu sein:

»In Amerika gibt es Rassismus, aber keine Rassisten.«  
»Ja, es ist beschissen, arm und weiß zu sein, aber versuch’s mal mit arm und nicht-weiß.« 

Americanah: Liebesgeschichte und gesellschaftskritisches Epos

Darüber hinaus holt Adichie ihre LeserInnen mit pointierten Beschreibungen vertrauter Emotionen und Alltagssituationen immer wieder aufs Neue ab, indem man sich als LeserIn oftmals in ihren Schilderungen wiederfindet: 

»Der Mann, der ihr am nächsten stand, aß ein Eis in der Waffel […]. Als der Zug endlich kreischend einfuhr, wandte er sich an sie und sagte ›Wird aber auch Zeit‹ mit der Vertrautheit, die Fremde nach einer gemeinsam erlittenen Enttäuschung über eine öffentliche Dienstleistung verbindet.«

Alles in allem hat Adichie mit Americanah eine beindruckende Mischung aus Liebesroman und gesellschaftskritischem Epos geschaffen, das in Deutschland noch viel zu unbekannt ist. Unbedingt lesen! 

PS: Den Rückblick auf die Lesung Adichies in Frankfurt könnt ihr hier nachlesen.

Chimamanda Ngozi Adichie: Americanah, S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2014.  

Von Eva

Sonntag, 8. Juni 2014

Über die Freuden des Engagements - 25 Minuten Lesezeit im SeniorInnenheim

Wir haben vor knapp zwei Wochen wieder im SeniorInnen-Zentrum vorgelesen, in das wir bereits im März eingeladen waren.

Dieses Mal lasen wir wieder eher traditionelle Gedichte rund um den Mai bzw. Frühsommer. Da viele der BewohnerInnen an Demenz erkrankt sind, helfen ihnen Gedichte mit spezifischem Bezug zur Jahreszeit zur Orientierung. Wieder mussten wir sehr laut lesen, was für ungeübte Stimmen sehr anstrengend sein kann. Aber natürlich ist das auch ein gutes Training für jede Lebenslage.

Sehr beeindruckend für uns war, wie viele Gedichte die BewohnerInnen noch auswendig kannten, und das trotz ihrer Demenz. Eine Dame rezitierte sogar eigenständig ein Gedicht über Ameisen und möchte uns beim nächsten Lesen den Gedichtband mitbringen.

Zum Schluss lasen wir die Geschichte Kanntiverstan von Johann Peter Hebel. Obwohl es darin sekundär auch um den Tod geht (ein Fakt, den wir beim Aussuchen leider etwas übersehen haben), wurde dadurch die Stimmung nicht getrübt, sondern wir kamen darüber kurz ins Gespräch, was im Leben wichtig ist. Und wir glauben auch, dass wir unsere ZuhörerInnen vielleicht gar nicht so sehr schützen müssen - sie haben uns sowieso so viel Wissen und Erfahrungen voraus.

Dieses Mal gab es also etwas mehr Interaktion zwischen den ZuhörerInnen und uns als beim letzten Vorlesen, was uns sehr gefreut hat. 

Wir haben wieder gemerkt, wie viel man mit 25 Minuten Lesezeit bewirken kann und wollen euch daher sehr ermutigen, diese Zeit ebenfalls mal in einem SeniorInnenheim in eurer Nähe zu investieren. Es macht sehr viel Spaß und fühlt sich sehr, sehr gut an!

Von Anne-Kathrin

Dienstag, 3. Juni 2014

Rückblick: unsere Themen im Mai

Wir werfen jeden Monat einen Rückblick auf unsere Posts - und wollen euch so die Orientierung und das Nachlesen unserer Beiträge erleichtern!

Im Mai stellt Jessica einen neuen Krimi in der Rezensionsreihe zu engagierten Krimis vor. Diesmal Gefährlicher Frühling von Sophie Sumburane, der abwechselnd in Leipzig und Kairo spielt. Auch wenn sie die Verbindung eines Kriminalfalls mit den Ereignissen des Arabischen Frühlings überzeugt hat, fällt die Rezension gemischt aus.

lesErLeben hat sich die mybook.de angeschaut. Das Startup wirbt damit, passgenaue und originelle Buchempfehlungen von BuchexpertInnen zu geben. Wie wir es finden lest ihr hier

In einer weiteren Rezension stellt uns Freya Wie der Soldat das Grammofon repariert von Sasa Stanisic vor und ist von der eigenwillig-humoristische Schreibweise des Debüts absolut begeistert.   

Eva und Jessica sind beide Fans der nigerianischen Autorin Chimamanda Ngozi Adichie und vor allem ihres letzten Romans Americanah. Eva sucht in ihrem SUB nach einer Buch, dass sie ebenso fesseln wird und Jessica schwärmt nach einer Lesung in Frankfurt von der Autorin.