Freitag, 12. September 2014

Literatur bringt Lebensfreude: Vorlesen im Altenpflegeheim - die dritte!

Letzte Woche waren wir - Sigrid, Julia und ich - wieder einmal zum Vorlesen im Pflegeheim. Wie auch die letzten Male haben wir dabei wieder gemerkt, wie viel der Kontakt zur Außenwelt und zu jungen Leuten alten Menschen bedeutet

Als wir das Heim betraten, saßen unsere Zuhörerinnen schon erwartungsvoll in einer gemütlichen Runde beisammen. Um die sonnigste Jahreszeit auch literarisch ausklingen zu lassen, hatten wir für diesen Anlass Sommer- und Spätsommertexte ausgewählt. Sigrid läutete die Vorleserunde mit einem Auszug aus Astrid Lindgrens Ferien auf Saltkrokan ein, der für die richtige Atmosphäre sorgte - so konnten sich auch unsere Zuhörerinnen fast wie im Urlaub fühlen. Danach lasen wir Gedichte von Goethe, Wilhelm Busch, Christian Morgenstern, Eichendorff und anderen bekannten - sowie einigen weniger bekannten - SchriftstellerInnen. 

Ein bisschen schwedisches Flair mit Ferien auf Saltkrokan
Bereits bei Goethes Heideröslein war ziemlich schnell klar, wie viel Freude unser Besuch wieder einmal machte. So unterbrach eine heitere, zierliche Dame schon nach der ersten Strophe mit ihrem zart-zittrigen aber durchaus lebhaften Gesang

Nach dieser unerwarteten aber willkommenen Einlage ging es weiter, und wir bemühten uns natürlich, möglichst laut und deutlich zu lesen. Glücklicherweise hatten wir es diesmal leichter als bei den letzten Treffen, da wir einen Aufenthaltsraum ganz für uns bekamen. Wir hatten dankbare Zuhörerinnen, die sehr konzentriert und interessiert unseren Worten lauschten.

So manch ein Gedicht brachte die Damen zum Lachen, und auch das Pflegepersonal hatte sichtlich Spaß an der Abwechslung. Mittlerweile waren uns einige Gesichter auch schon bekannt, was für Vertrautheit sorgte. Eine richtige Mädelsrunde!

Als die kleine alte Dame, die neben mir im Sessel zu versinken schien, uns mit großen Augen fragte, ob wir ihr schon den nächsten Vorlesetermin nennen könnten, hatte sich die halbe Stunde auch schon wieder doppelt gelohnt. Vielleicht wird beim nächsten Mal ja ein wenig gesungen! Und vielleicht sitzen dann auch wieder ein paar Männer unter uns...

von Freya

Montag, 8. September 2014

Rezension: »Anständig leben« von Sarah Schill

Es ist mal wieder die Zeit im Jahr, in der ich mir Gedanken darüber mache, wie ich eigentlich leben möchte. Das umfasst auch die Frage: Welche Werte sind mir wichtig? Und wie kann ich mein Leben danach ausrichten?

Umwelt- und Tierschutz sowie Gesundheit tauchen immer wieder auf meiner Werte-Liste auf. Das sollten sie eigentlich jeden Tag. Aber wie das immer so ist: Plastikmüll findet man eigentlich total doof, was einem aber erst dann wieder einfällt, wenn man gerade den zweiten gelben Sack für den Monat aus dem Haus schafft.

Seit einigen Jahren werden viele Selbstversuch-Bücher auf dem Markt geworfen: über das Experiment, vegan zu leben, über die Reduktion von Müll, über das SelbstversorgerInnen-Dasein und über die Herausforderung, ein Jahr lang nichts Neues mehr zu kaufen.

Als Gedächtnisstütze für das gute Gewissen und als Motivationsantreiber für gute Taten taugen längst nicht alle. Aber Sarah Schills Buch Anständig leben. Mein Selbstversuch rund um Massenkonsum, Plastikmüll und glückliche Schweine hat auf jeden Fall das Potential, den eigenen Allerwertesten in Gang zu bringen, um die Welt ein bisschen besser zu machen.

Auch wenn Anständig leben in der Tragweite des Experiments nicht so tief geht wie beispielsweise Colin Beavans Barfuß in Manhattan, so hinterlässt das sehr kurzweilige Buch von Sarah Schill nach der Lektüre den Drang, beim Einkaufen und Verzehren doch mal wieder ein bisschen das ethische Gewissen anzuschalten. Denn vor allem das sind ihre Themen: vegane Ernährung und die Vermeidung von Plastikmüll.

Schill beschreibt sehr lesefreundlich und realistisch, was ihr Selbstversuch in ihr auslöst - und auch, welche Reaktionen sie von ihrer Familie und ihrem Umfeld erntet. Was Anständig leben aber nachhaltig macht, ist die sehr kluge Auseinandersetzung der Autorin mit den vielen Vertrickungen, die der Versuch mit sich bringt, ethisch »richtig« zu entscheiden. Denn meist ist es gar nicht so einfach, herauszufinden, was eigentlich ethisch »richtig« ist, und was »falsch«. So führt eine simple Frage wie: Kaufe ich regionale Bio-Milch in der Plastikflasche oder nicht-regionale Bio-Milch in der Glasflasche? bei näherem Hinsehen zu einer Nachmittag-füllenden Recherche- und Denkaufgabe. Dank Sarah Schill lernen wir: Es lohnt sich trotzdem.

Sarah Schill: Anständig leben. Mein Selbstversuch rund um Massenkonsum, Plastikmüll und glückliche Schweine, Südwest Verlag, München 2014.

Von Anne-Kathrin

Freitag, 5. September 2014

Sommerlaune, Lachkrämpfe und ein Stückchen Weltfrieden: Garten-Lesung mit Wladimir Kaminer

Es war schon ein bisschen romantisch an diesem lauen Sommerabend mit seinem blauen Himmel, inmitten von schwer behangenen Apfelbäumen und der unaufhörlich rauschenden Lahn. Die ZuhörerInnen saßen eingemummt auf Picknickbänken während Wladimir Kaminer aus seinen Büchern Mein Leben im Schrebergarten und Diesseits von Eden: Neues aus dem Garten vorlaß und dabei noch allerhand Anekdoten erzählte, über die scheinbar auch die vorbeifliegenden Enten immer wieder herzlich schnattern mussten.

Idyllisch: Apfelbäume und blauer Himmel in Gießen
Wer Kaminers Bücher kennt, dem werden sie nicht zwingend als engagierte Literatur ein Begriff sein, sondern in erster Linie als leichte Kost. Dass Kaminer weiß, wie er sein Talent einsetzen muss, haben die zwei Stunden Entertainment, die er an diesem Abend bot, und die einhergehenden Lachkrampf-erscheinungen deutlich gezeigt. Doch sind seine Werke auch stets eine Gesellschaftsanalyse. Sie leben von kulturellen Vergleichen, nehmen es mit der politischen Korrektheit nicht so genau. Und diese Qualitäten bestimmten auch den Charakter der Lesung.

Nach einer kurzen Einführung von Karina Fenner, der Programmleiterin des Hauptgastgebers Literarisches Zentrum Gießen, begrüßte Kaminer sein Publikum. Und brachte vom ersten Moment an alle zum Lachen. Eine volle Stimme schallte mit kräftigem Akzent über unsere Köpfe und strahlte augenblicklich Charme und Sympathie aus. Es war ein Leichtes, ihm zuzuhören. Und das war auch gut so. Denn es ist unfassbar, was man mit Hilfe einer Schrebergartenmetapher alles für Themen heraufbeschwören kann.

Dafür, dass Kaminer erst durch den Wunsch seiner Frau zum Gärtnern kam, ist seine Liebe dazu beeindruckend groß. In Moskau geboren und seit 1990 in Berlin lebend, hat der Schriftsteller nicht nur zum Thema getextet, er ist dieses Jahr auch Schirmherr beim Berliner Staudenmarkt und hat kürzlich eine europäische Landschaftsgartenreise hinter sich gebracht. »Ich mach' auch Gartenfilme«, kommentierte er seinen Einsatz für Arte und legte sogleich los mit humoristischen und historisch wertvollen Vergleichen verschiedener europäischer Gartenkulturen.

Wladimir Kaminer mit Geschichten über »kriminelle« Kleingärtner
Dafür, dass Kaminer seinen ersten Kleingarten wegen »spontaner Vegetation« und Nichteinhaltung des Bundes-kleingartengesetzes abgeben musste, hat er einen guten Überblick über die Schreber- gartenpolitik. In seinem Lieblingskapitel »Rhabarber« beschreibt er liebevoll seine Außenseiterrolle im Schreber- gartenbetrieb sowie die seiner NachbarInnen, die sich dem Verbot von Nadelbäumen nicht beugen, ihm Eier aus Eigenproduktion für seine Freundschaftsomelettes zur Verfügung stellen oder als selbsternannte WunderheilerInnen die Tierwelt unsicher machen. Geschickt zeichnet er dabei ein Schrebergartenbiotop nach, das der vorherrschenden Mikrodiktatur inklusive »Abfall- und Biotoilettengesetz« und »UNO-Versammlungen« trotzt und dabei zu einer Gemeinschaft zusammenwächst. Von der trennenden Mauer, die durch Straßenbahnschienen ersetzt wurde, bis hin zu dem Lokalstolz der SchrebergärtnerInnen über die eigenen Stasiakten (»sonst ist man nicht mehr Teil der Geschichte«) inklusive KGB-Vergleich mit Papierknappheit-Punchline war alles dabei.

Seine Kleingartenbetrachtungen unterbrach Kaminer regelmäßig mit philophischen Anekdoten zum Tod von Meerschweinchen, Generationskonflikten, der Schwierigkeit des Sprachenlernens und der Feststellung, dass seine Kinder es ihm gerade besonders schwer machten, da es so etwas wie eine »deutsche Pubertät in der Sowjetunion« nicht gab. Für jeden war etwas dabei, und das nicht zuletzt, weil für zwei Stunden jeder von uns irgendwie gleich war: Kaminer schafft es, die Menschen ihre Unterschiede vergessen zu lassen. Die »typisch Deutschen«, die »unsichtbares Unkraut wegbrennen«, auch ohne Fahrräder Helme tragen und als einzige Nation ihren Rhabarber so lieben, dass er sich für ein »Rhabarber-Integrationsprogramm« eignen würde, die Vogelbeerenschnaps-liebenden RussInnen, die ihr giftiges Obst hinter AKWs pflücken, da es dort besonders saftig wächst, die KroatInnen, für die das Meer der einzige Friedhof ist, und die in der Russendisko Zuflucht-suchenden UkrainerInnen sind nicht zuletzt wegen Kaminers sehr familiärem Touch an diesem Abend, nun ja, Familie.

Von Freya 

Wladimir Kaminer: Diesseits von Eden: Neues aus dem Garten. Manhattan, 2013. 
Wladimir Kaminer: Mein Leben im Schrebergarten. Goldmann, 2007.

Montag, 1. September 2014

Rückblick: unsere Themen im August

Wir werfen jeden Monat einen Rückblick auf unsere Posts - und wollen euch so die Orientierung und das Nachlesen unserer Beiträge erleichtern! 


Trotz Sommerferien waren wir im August gefühlt etwas aktiver als im Juli, was die (engagierte) Literatur betrifft - was wir vor allem unserem Literaturclub-Mitglied Freya und unserer Leserin Hanna aus Berlin zu verdanken haben.

Hanna hat das neue Buch der finnischen Erfolgsautorin Sofi Oksanen, Als die Tauben verschwanden, erst hier rezensiert und hat anschließend eine Diskussion mit der Autorin in Berlin besucht - eine Veranstaltung, bei der auch deutliche politische Worte fielen.

Außerdem hat Hanna den Roman Eis der finnisch-schwedischen Autorin Ulla-Lena Lundberg rezensiert, das, so findet sie, von uns LeserInnen unter anderem viel Engagement abverlange. 

Doch wie liest man eigentlich engagiert? Was macht engagierte LeserInnen eigentlich aus? Mit diesen Fragen hat sich Freya befasst und damit mal den Fokus von engagierter Literatur auf engagierte RezipientInnen verlegt.

Freya hat außerdem Dara Horns Roman Die kommende Welt rezensiert, das für sie ein »farbenprächtiges Werk der jüdisch-amerikanischen Gegenwarts- literatur« ist. Und wir hatten im August sogar noch eine Rezension im Programm, und zwar zur Abwechslung mal einen Comic: Wer ist hier die Mutter?, ein engagiertes, feministisches, Werk über eine Mutter-Tochter-Beziehung, hat Jessica sehr gefallen.

Vielleicht habt ihr die Rubrik »Und was liest du so?« schon vermisst - endlich, seit langer Zeit, haben wir mal wieder eine unserer LeserInnen befragen können, was sie am liebsten liest und welche Werke sie uns empfehlen kann. Danke an Marion für ihre Tipps!

Deutlich durchgänger ist unser allmonatlicher SUB-Post, den Anne-Kathrin im August mit uns geteilt hat.

Samstag, 30. August 2014

Anne-Kathrins SUB im August

Seit meinem letzten SUB von Dezember habe ich viele »Altlasten« aus dem alten Jahr mittlerweile - nach immerhin acht Monaten im neuen Jahr - gelesen. Und bin sehr stolz auf mich, dass ich es anscheinend trotz allgemein viel zu tun im Leben doch geschafft habe, auch viel zu lesen.

Mein SUB (= Stapel ungelesener Bücher):

- Fegefeuer von Sofi Oksanen (die Hanna vor kurzem live erlebt hat)
- Wolkenfern von Joanna Bator (darauf freue ich mich schon sehr - ich bin ja großer Fan des Vorgängers, Sandberg, wie ihr wisst...)
- Religion ohne Gott von Ronald Dworkin (vielen Dank an Silvia fürs Ausleihen!)
- Schau heimwärts, Engel von Thomas Wolfe
- The Awakening and Selected Short Fiction von Kate Chopin
- A Writer's Diary von Virginia Woolf
- Die Antwort von Alice Schwarzer
- Herr der Seelen von Irène Némirovsky
- The Ginger Man von J. P. Donleavy
- Bertohold Beitz. Die Biographie von Joachim Käppner
- Über Fotografie von Susan Sontag

Von Anne-Kathrin

Mittwoch, 27. August 2014

Inspiration, politische Brisanz und Kopfkino: eine Lesung mit Sofi Oksanen

Vor zwei Wochen hat Hanna uns bereits Sofi Oksanens neuen Roman Als die Tauben verschwanden schmackhaft gemacht. Um sich auch persönlich von der Autorin zu überzeugen, hat Hanna ihr nun in einer Berliner Lesung gelauscht. 

Paradisvogel: Sofi Oksanen im lcb
Ein seltsamer Anblick war sie schon, die finnisch-estnische Schriftstellerin Sofi Oksanen, wie sie da mit ihren neonfarbig-schwarzen Dreadlocks inmitten des überwiegend grauhaarigen deutschen Bildungsbürgertums saß. Am Montag hatte das Literarische Colloquium Berlin (lcb) zur Buchpremiere von Oksanens neuem Roman Als die Tauben verschwanden geladen. 1963 in einer wunderschönen alten Villa am Wannsee gegründet, versteht sich das lcb als Veranstaltungsforum und Gästehaus, Arbeitsstätte und Talentschmiede für Autoren und Übersetzer. Hier haben schon Tagungen der Gruppe 47 stattgefunden. Und dementsprechend war die Atmosphäre leider auch. Ein bisschen veraltet eben. 

Der Autor und Übersetzer Joachim Kalka führte mit einer solch monotonen Stimme und gestelzten Sprache durch den Abend, als kämen sie direkt vom Antikhändler. Dabei waren seine Thesen und Fragen an die Autorin alles andere als doof. Den Einstieg fand er mit der politischen Brisanz des Romans. Als die Tauben verschwanden erzählt von Estland im Zweiten Weltkrieg und in den 60er Jahren, wechselweise unter der Besatzung der Sowjets und der Deutschen. Dabei dreht sich vieles um den damaligen Einfluss der Sowjetunion auf Estland. Sofi Oksanen zog Parallelen zu dem aktuellen Ukraine-Konflikt und sprach von „postmodernem Zirkus russischer Propaganda“. Als sie vor zehn Jahren angefangen habe Romane zu schreiben, habe Russland bereits eine neue politische Haltung gehabt, so Oksanen. Doch sei nicht abzusehen gewesen, wie aktuell das Thema im Jahr 2014 sein würde. 

Es fehlte an jungen Zuhörern
Weiter ging es mit der Vorstellung des Buches, seiner Struktur, Fragen zu den Charakteren und der Rolle Estlands in der EU. Oksanen verlor sich manchmal in ihren Antworten, zum Beispiel über die Verwendung der Begriffe „Nazi“ und „Faschist“ in Estland, gab aber auch viel Interessantes zu ihrer Arbeit preis. So erzählte sie, dass sie sich bei dem Protagonisten Edgar von einer historischen Figur hatte inspirieren lassen, die im Auftrag des KGB denunziatorische Werke über Estland schrieb, und wie sie eine Liebe für diesen Opportunisten entwickelte: „Es ist um einiges faszinierender, über hässliche Charaktere zu schreiben.“ 

Vorgelesen wurde von der Schauspielerin Anna Thalbach und es hat Riesenspaß gemacht, ihr zuzuhören - nicht nur wegen der willkommenen Abwechslung zu den Moderationen. Man musste nicht einmal die Augen zumachen und das Kopfkino spulte trotzdem los. Wäre nicht das staubtrockene und überholte Verständnis des Moderators von Kultur gewesen, hätte dieser Abend richtig lustig sein können. Dann wären vielleicht auch Zuhörer unter sechzig gekommen. Denn auf der Bühne saß eine höchst interessante Frau mit sehr speziellen Interessen und Meinungen, die sich selber gut zu inszenieren wusste – allerdings immer mit einer Armlänge Distanz. Auf die Frage hin, ob Oksanen etwas über ihren vierten Roman des „Estland Quartetts“ verraten könne, sagte sie nur: „Nein, absolut nicht.“ 

von Hanna 

Sonntag, 24. August 2014

Rezension: »Die kommende Welt« von Dara Horn

Dara Horns Roman Die kommende Welt ist ein farbenprächtiges Werk der jüdisch-amerikanischen Gegenwartsliteratur, dessen Geschichte sich über mehrere Jahrzehnte, Orte und Generationen einer Familie – den Ziskinds – erstreckt. Dabei wechselt die Autorin zwischen Erzählperspektiven hin und her und lässt verschiedenste Genres mit einfließen. Dennoch schafft sie es, ihrem Werk eine in sich stimmige Form zu geben.

Im Zentrum steht Benjamin, frisch geschieden und mißmutig angesichts beruflicher Unterforderung und privater Strapatzen. Alles beginnt sich jedoch zu wandeln, als in einer New Yorker Kunstgallerie seine Kindheitserinnerung wachgerüttelt wird. In der Überzeugung, Chagalls Über Witebsk hätte früher im Hause seiner Eltern gehangen, beschließt er, es zu stehlen. Die Museumsangestellte Erica ist ihm bald auf den Fersen und so überredet er Zwillingsschwester Sara, das Gemälde zu fälschen. Während Erica ihrer Detektivarbeit nachgeht und gleichzeitig dem Dieb näherkommt, werden Horns Leser in die verschiedensten Ecken der Familiengeschichte entführt.

So erleben wir zunächst, wie Bens Großvater in den 20er Jahren in einem sowjetischen  Waisenhaus, in dem Chagall unterrichtet, in den Besitz des Gemäldes kommt. Horn führt uns anschließend immer weiter in die Gegenwart, springt dabei zwischen Ben und Saras Realität und der ihrer Vorfahren hin und her. Dass sie sich der Chronologie entzieht, erhöht nicht nur die Spannung, es verdichtet auch die Verknüpfungen zwischen den Figuren und somit die Frage der jüdischen Identität.

Briefmarke mit Chagalls Über Witebsk -
die heimatlose, verlorene Seele des Luftmenschen
(Quelle Wikipedia)
Nicht nur die historischen Rückblicke, sondern auch die von Horn eingeflochtenen jüdischen Volksmärchen und die Bedeutung der Kunst und des Schreibens fügen der modernen Erzählebene etwas Besonderes hinzu. Den Horror des Vietnamkrieges vermittelt Horn genauso treffend wie an anderen Stellen die Folklore-Elemente. 


Ist einem die jüdische Kultur ein wenig vertraut, überrascht es nicht, dass diese Volkserzählungen einen oft zum Schmunzeln bringen: diese Welt, in der man Literatur trinken kann, himmlische Ohrfeigen einen das allumfassende Wissen aus dem Paradis vergessen lassen und Engel sich per Fingerabdruck unter unseren Nasen verewigen, liegt der Autorin am Herzen. Denn diese Geschichten über Ewigkeit und Sinnfindung sind zum Großteil in Vergessenheit geraten – Dara Horn lässt sie hier bewusst wieder aufleben. Ebenso setzt sie mit Chagalls Freund, Der Nister der seine Manuskripte in Leinwänden versteckt ein Denkmal für jüdische Schriftsteller, deren Talente durch den Verlauf der europäischen Geschichte überschattet, zerstört und begraben wurden.

Die kommende Welt engagiert sich also vor allem im Bereich jüdische Kulturgeschichte. Zwar wirken der Anfang des Romans und auch Ben zunächst ein wenig blass, aber spätestens mit Großvater Boris ändert sich dies. Die Tatsache, dass Vietnam-Veteran Daniel, Flüchtling Leonid und auch die beiden weiblichen Hauptfiguren dem Roman mehr Pepp geben als Benjamin, stört angesichts der Mannigfaltigkeit wenig. Der Roman ist nostalgisch, aber nicht altmodisch, mal verspielt, mal schockierend realistisch, aber vor allem erfrischend. Ihren hin und wieder seicht-sentimentalen Ton setzt Horn meist gezielt ein, nur selten droht sie, in den Kitsch abzudriften.

Horns zweiter Roman ist mutig: Die Suche nach Identität, diverse historische Geschehnisse und die Bedeutung von Kunst, Familie, Kultur, Leben und Tod unter einen Hut zu bringen, ist ihr bemerkenswert gut gelungen

von Freya  

Dara Horn: The World to Come. W W Norton & Co., 2006. 
Dara Horn: Die kommende Welt. Berliner Taschenbuch Verlag, 2007.
 

Mittwoch, 20. August 2014

Rezension: »Wer ist hier die Mutter? Ein Comic-Drama« von Alison Bechdel

Vielleicht sollte am Anfang dieser Rezension eine Warnung stehen. Alison Bechdels autobiographisches Comic-Drama Wer ist hier die Mutter? über eine Mutter-Tochter-Beziehung hallt lange nach. Besonders in Töchtern und Müttern von Töchtern, die sich beim Lesen auf das Gefühl des Wiedererkennens gefasst machen können.

Die Heldin Alison hat eine Schreibkrise, über die sie mit ihrer Therapeutin spricht. Es geht um ihre Mutter:
»Ich kann dieses Buch nicht schreiben, wenn ich meine Mutter nicht aus dem Kopf kriege. Aber ich kriege sie nur aus dem Kopf, wenn ich dieses Buch schreibe.«
Die Schreibkrise steht am Anfang des Buchs und markiert somit gleichzeitig ihre Überwindung: Das Schreiben über die Krise und die Gespräche mit ihrer Therapeutin machen es möglich, dass Alison sich mit der konfliktbeladenen Beziehung zu ihrer Mutter auseinandersetzen kann. Die Geschichte der Mutter-Tochter-Beziehung ist dabei gleichzeitig die Geschichte von Alisons eigener Psychoanalyse. Eine Psychoanalyse ist (auch) Erinnerungsarbeit und so versucht Alison die losen Fäden ihrer Erinnerung an ihre Kindheit und ihre (gescheiterten) Beziehungen sowie die aktuellen Konflikte mit ihrer Mutter zu einem Ganzen zusammenzuweben. Die schwarz-weiß-rot gehaltenen Zeichnungen werden dabei immer wieder unterbrochen von Textdokumenten, aus denen Alison zitiert: hauptsächlich den Werken des Psychiaters Donald Winnicott und Virginia Woolfs. Hier greift auch das Medium des Comics besonders stark, denn Bechdel verbindet die zitierten Passagen mit der Darstellung von Alltagsszenen zwischen Alison und ihrer Mutter. Durch diese Übereinanderlegung entsteht eine völlig neue weitere Bedeutungsebene. Es wirkt, als könnte man direkt in Alisons Kopf schauen und auf ihre Erinnerungen und Gefühle zugreifen, während sie über einen Text Winnicotts nachdenkt.

Wer ist hier die Mutter? (im Original im Übrigen: Are you my mother?) berührt auch die generationenübergreifenden Verletzungen, die von Müttern auf Töchter übertragen werden. An einer Stelle fragt die Teenager-Alison ihre Mutter:
»Was ist das wichtigste, was du von deiner Mutter gelernt hast?« Die antwortet sofort:»Dass Jungs wichtiger sind als Mädchen.« Die von Alison so sehnsüchtig gewünschte Anerkennung ihrer Mutter ist dieser bereits ebenfalls verwehrt worden. Dieser Aspekt der Mutter-Tochter-Beziehung macht Wer ist hier die Mutter? nicht zuletzt zu einem feministischen Text.

Mein Fazit: 
Wer ist hier die Mutter? ist absolut lesenswert, ein unglaublicher kluger, ehrlicher, bewegender Comic.

Alison Bechdel: Wer ist hier die Mutter? Ein Comic-Drama. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2014.

Von Jessica

 

Sonntag, 17. August 2014

Und was liest du so? - Lesetipps von lesErLeben-LeserInnen - Heute mit Marion

Einer der Gründe für den Launch unseres Blogs war, dass so auch begeisterte LeserInnen, die wegen zu großer Entfernung oder anderer zeitaufwendiger Verpflichtungen nicht an unseren LitClub-Treffen teilnehmen können, trotzdem mitbekommen, was wir lesen und worüber wir diskutieren. Wir wollen euch in dieser Rubrik hin und wieder jemanden vorstellen, der oder die uns lesend und mit Literaturtipps begleitet. 

Marion – wünscht sich eine Katze, die ihr beim Lesen Gesellschaft leistet, 
nimmt aber momentan dissertationsbedingt mit Äpfeln vorlieb.

mag: 
  • Charaktere mehr als Plot 
  • besonders Bücher, in denen man dieselbe Geschichte aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt bekommt. (Dazu fällt mir z. B. der Tillerman Cycle von Cynthia Voigt ein.) 

schlägt uns vor:
  • Salvage the Bones von Jesmyn Ward 
  • Chaim Potok, insbesondere The Gift und My Name is Asher Lev 

 findet besonders wichtig: 
  • Bücher im Original lesen zu können, was natürlich leider nur sehr eingeschränkt möglich ist...

hat zuletzt im Urlaub gelesen:
Im Urlaub komme ich in den letzten Jahren nicht zum Lesen, aber wenn wir das mal umdefinieren in "was hab ich zuletzt in der vorlesungsfreien Zeit gelesen": 
  • L’enfant noir von Camara Laye
  • The Match von Romesh Gunesekera

liest aktuell: 
  • alle vier Bände von Henry Roths Mercy of a Rude Stream im zweiten Versuch. Allerdings stellt sich auch beim zweiten Durchgang heraus, dass die Hauptfigur, Handlung und Erzählweise zunehmend weniger interessant und sympathisch werden. 

Von Freya 


Donnerstag, 14. August 2014

Rezension: »Als die Tauben verschwanden« von Sofi Oksanen


Edgar ist ein Ekel und ein Opportunist. Seine Fähigkeiten sich anzupassen sind bemerkenswert. Sein Streben nach Macht ist unablässig, die Kälte, mit der er sein persönliches Wohlergehen über jegliches Mitgefühl und jede Menschlichkeit stellt, erschreckend. Und um Edgar dreht sich dieser Roman. 

Die Handlung ist verzwickt. Sie springt zwischen den Jahren 1941 bis 1965 hin und her. Beginnen tut die Geschichte mitten im Waffengefecht in den Wäldern Nordestlands. Roland und sein Cousin Edgar befinden sich im Kampf gegen die Russen – unter der Flagge der estnischen Unabhängigkeit. Dabei kümmert sich Roland widerwillig um seinen nervenschwachen Cousin, einen Schwätzer und Deserteur der Roten Armee, der lieber von Heldentaten predigt als mit anzupacken.
 
Roland dokumentiert im Kriegsgeschehen alles über die Zerstörung der Bolschewiken, was für die Zeit der Unabhängigkeit Estlands gebraucht werden könnte. Er ist ein Mann mit Idealen, der sich für sein Land opfert. Ein Gegenpol zu Edgar. Ihm ist sein Cousin, »den der Krieg überhaupt nicht verändert hatte«, fremd. 

Während die beiden Männer im Wald über Leichen stolpern, wartet die in Tallinn alleine zurück geblieben Frau von Edgar auf den Untergang der Stadt. Zu Juudits großer Überraschung wird Tallinn nicht zerstört, sondern von den Deutschen eingenommen. Nun beginnt ein anderes Leben voller Liebe, in dem Juudits Angst, ihr Mann könnte zurückkehren, ihr ein ständiger Begleiter ist. Auch für die anderen Personen der Erzählung ändert sich das Leben gewaltig. Nicht zuletzt für Edgar, der problemlos die Seite wechselt und sich eine neue Identität anlegt. Und so verrät er alle, die er verraten kann. Verschont wird lediglich, wer ihm noch nützlich ist. 

Als die Tauben verschwanden könnte auch als Krimi durchgehen, gespickt mit Rätseln und dunklen Machenschaften. Und das vor einem sehr spannenden geschichtlichen Hintergrund, über den man viel erfährt. Doch muss man sich als Leser wirklich ins Zeug legen, um die Erzählfäden auseinanderzuhalten. So folgt man den verschiedenen Figuren, die sich als Erzähler der einzelnen Kapitel abwechseln, und erfährt langsam aber sicher, was sie miteinander verbindet. Es ist, trotz der dominanten Präsenz Edgars, ein mehrstimmiger Roman. Sprachlich bietet der Roman keine großen Überraschungen. Die Komplexität der Handlung überschattet die Sprache, obwohl Oksanen häufig eindrückliche Bilder findet, wie das Lächeln von Mutter, das wie eine gefettete Bratpfanne glänzt.

Wir kennen alle den Verlauf der Geschichte und folglich wird Edgars Nazi-Karriere ein Strich durch die Rechnung gemacht. Alles wird noch einmal anders. Es finden sich neue Feinde und neue Verbündete, manch einer verfällt dem Alkohol und Edgar wird zum sowjetischen Schriftsteller, der die Geschichte so schreibt, wie sie ihm passt. Als die Tauben verschwanden ist ein Roman darüber, was totalitäre Machtsysteme aus den Menschen machen. Wie sie anfangen, sich gegenseitig auszuspielen und nicht einmal mehr wissen, warum sie dies tun.

von Hanna 

Sofi Oksanen: Als die Tauben verschwanden. Kiepenheuer & Witsch, 2014.

Samstag, 9. August 2014

Selbst ist der Leser - Wie liest man eigentlich »engagiert«?

Was tun mit einem Buch?

Jede Woche beleuchten wir, was engagierte Literatur ist. Aber was macht eigentlich einen engagierten Leser aus? Zu dieser Frage regte mich unsere Rekordleserin Jessica bei unserem letzten Treffen an, als sie ihre Ausdauer für 900 Seiten Hilary Clinton anzweifelte.

Ich möchte also einen Blick werfen auf uns – darauf, wie wir lesen und was wir mit den Büchern tun, die wir lesen.

Lesetechniken, Lesegewohnheiten, Leseunarten

Ein Buch hat immer zwei Geschichten, seine Erzählung und seine Materialität. Und mit beidem kann man spielen. Da gibt es die Spannungskiller, die kein Buch anfangen können, ohne zunächst die letzte Seite gelesen zu haben. Andere verbannen »ungezogene« Bücher – frei nach Joey Tribbiani – ins Gefrierfach. Anne beichtete uns neulich ihre Schwäche für eindrucksvolle Buchcover. Und die Person, die mich zur Leseratte machte, hat Lieblingsbücher in zweifacher Ausführung: Ein Exemplar für das Regal sowie das zerfledderte, das abends mit einschläft, sich mit Kaffeeflecken schmückt.

Ob ein Kindl wohl gern im Gefrierfach weilt?
Es hat keine Badewannenflecken von 1997.
Keine Eselsohren vom ungestümen Umblättern.
Und es wird nie nach Dachboden riechen...
Was bedeutet das fürs engagierte Lesen?
Lesevergnügen, Lesebedauern

Aber mal was anderes: Sollte man nur zum Vergnügen zu lesen? Oder sich auch mal zwingen? Meine Liebe zu Jane Eyre entdeckte ich erst beim dritten Anlauf. Dafür, dass ich es nicht nach einem Kopfkratz-Kapitel wieder weggelegte, hat mich Stanisics Erstlingswerk reichlich belohnt. Und Howard's End schnarcht zum dritten Mal in meinem Bett. Letzteres jedoch wird sich wohl unter der Kategorie “Lesebedauern” zu Das Große Heft, Frankenstein und Mrs Dalloway gesellen  
– ohne, dass ich das Ende erreiche.

Aber reden wir doch mal über das Ende...

Nach Jessicas Hilary-Debakel fragte ich mich zunächst: Wann hat man eigentlich ein Buch gelesen? Das Ende ist das Ziel, aber wer sagt eigentlich, dass man dahin muss? Kann man einen Roman überfliegen und eine Meinung dazu haben, oder muss ich bis zur letzten Seite vorgedrungen sein? Vielleicht sind manche Bücher sogar bereichernder, wenn man sie nicht zuende liest...

Das Ende muss nicht zwingend enttäuschend sein, vielleicht ist es einfach nicht besonders gewinnbringend. Darf man der Geschichte also selbst ein Ende setzen, die Autorität des Schriftstellers übergehen? Darf man sich ihrer Chronologie entziehen, die vorgegebene Struktur des Leser-Autor-Dialogs umstürzen? Und wenn wir uns durch einen sogenannten »Klassiker« hindurchquälen müssen, sind wir dann schlicht die falschen Leser für das richtige Buch?

Vielleicht ist der wichtigste Teil des Leseprozesses stets das, was danach kommt: Die Kommunikationsebene. Das Teilen. Das Inspirieren-Lassen zu eigenen Werken. Das Vortesten für den Nachwuchs. Der neuentdeckte Drang zu guten Taten – egal, wie man gelesen hat.

Also zurück zur Frage...

Was ist nun ein engagierter Leser? 

Jemand...

  • der sich auch auf materieller Ebene auf ein Werk einlässt?
  • der durchs Lesen ein kleines Stückchen besser wird?
  • der Vorgaben umgeht, die Reihenfolge umkehrt, sein eigenes Ende setzt, sich das Buch zu eigen macht?

Was meint ihr?


von Freya

Dienstag, 5. August 2014

Rezension: »Eis« von Ulla-Lena Lundberg


Am Anfang ist das offene Meer, später das Eis. Mit dem Boot von Post-Anton kommt der neue Pfarrer Kummel mit Frau und Kind im Frühjahr auf den Örar-Inseln an. Das junge Paar wünscht sich 1 ½ Jahre nach Kriegsende nichts sehnlicher als ein eigenes Haus mit Hof und ein bisschen Normalität. Die entlegene Gemeinde hatte schon lange keinen eigenen Pfarrer mehr und steht deshalb seinerseits erwartungsvoll auf dem Steg bereit. Das Pfarrhaus ist vorgeheizt, Brote sind geschmiert. Die Gastfreundschaft der Örar-Bewohner überwältigt die Kummels und so wird dies ein guter Anfang.

Das Paar richtet sich ein, der Pfarrer, angetrieben von dem brennenden Feuer in seiner Brust, ist „entzündet von allem, was er in seinem Leben noch erreichen und erleben will.“ Sie lernen viel über die Gepflogenheiten der Inselbewohner, die ohne Klopfen ins Haus einzutreten pflegen, geben sich große Mühe, sich in der Gemeinschaft einzufinden. Auch als der Pfarrer herausfindet, dass diese so scheinbar ideale Welt seine Risse hat, lässt seine Motivation nicht nach – er besitzt eine fast naive Gutmütigkeit.


Eis erzählt auf sehr realistische Weise von dem Leben in den finnischen Schären nach dem zweiten Weltkrieg. Nicht die Politik bewegt diese Geschichte, sondern das Alltagsleben. Es wird geschildert, wie gebacken und gekocht, wie gemolken und Milch gesiebt wird, wie man navigiert, sich über das Eis bewegt, wie Eltern und Kinder sich streiten. Den Rahmen der Erzählung bildet Post-Anton, der einzige Ich-Erzähler neben dem allwissenden Erzähler. Er vertritt die Stimme der Inselbewohner, erklärt ihre Kultur und Sicht auf die Dinge, und das Verhältnis zu den „Letesgubbar“, verstorbene Seelen, die einen über das tosende Meer leiten. Wenn man ihnen denn gut zuhört... 

Rastlos, mit der gleichen unruhigen Geschwindigkeit der Pfarrersfrau, schreitet die Erzählung voran: „Krack, werden die Umzugskisten aufgebrochen, beginnt das Auspacken, ist die Anrichte voll.“ Und gleichzeitig werden die alltäglichen Abläufe und die Natur bis ins Detail beschrieben. Die Autorin malt ein realistisches Bild, in das man versinken kann. Ein Bild, das sehr an die Bilder von Anton Tschechow erinnert. 

Der Roman hat seine Längen, gerade aufgrund der ausführlichen, repetitiven Beschreibungen. Doch manchmal versteckt sich ihnen auch eine Prise Humor: „Hier [im Stall] ist es einfach: ausmisten, Heu aufschütten und Wasser einfüllen, Euter waschen und einfetten, melken, durchseihen, die Kannen ans Joch hängen – frohe Weihnachten und gute Nacht!“ Die Übersetzung überzeugt, Asche über mein Haupt, streckenweise fast mehr als das schwedische Original. Da erlebt Pfarrer Kummel eine Verproviantierungstour von Gottes Gnaden und die erste Nacht auf dem Pfarrhof verbringen er und seine Frau platt wie eine Flunder.

Das Pflichtbewusstsein, mit der das Ehepaar Kummel das Leben angeht, ist auffällig übertrieben. Die Tüchtigkeit und Prinzipientreue von Mona Kummel führt im Laufe des Romans zur totalen Ermattung des Lesers. Weil das alles ein bisschen zu viel des Guten ist, entsteht der Eindruck, es liege etwas im Argen. Und das tut es. Eis ist ein Roman über die großen Fragen des Lebens: Geburt, Tod, Krankheit, Glück, Glaube, Aberglaube, Gutes, Böses. Er ist anspruchsvoll und verlangt dem Leser auf dem Weg ins Unglück viel Engagement ab. Mit ein bisschen Mut sollte man sich vor Lesebeginn wappnen und ansonsten die Geschichte so nehmen, wie sie kommt. Um es mit den Worte von Post-Anton zu sagen: „Es ist, wie es sein soll, denn alles fließt und verändert und verwandelt sich.“ 

von Hanna 

Ulla-Lena Lundgren: Eis. Mare Verlag, 2014. 

Freitag, 1. August 2014

Rückblick: unsere Themen im Juli

Wir werfen jeden Monat einen Rückblick auf unsere Posts - und wollen euch so die Orientierung und das Nachlesen unserer Beiträge erleichtern! 


Nun ist auch der Sommer bei uns angekommen und wir freuen uns auf jede Menge Urlaub. Daher haben wir unser Blog-Programm etwas heruntergeschraubt für Juli und August. 

Julia hat sich den Sammelband Euromaidan zur Ukraine-Krise, herausgegeben von Juri Andruchowytsch, angeschaut und ihn besprochen. Rezensiert hat Anne-Kathrin auch das Sachbuch Konzentriert Euch! Eine Anleitung zum modernen Leben von Daniel Goleman - über das sie ein gemischtes Fazit zieht. Begeisterter ist sie von engagierten Büchern, die sie zum Denken, Reflektieren und Lernen anregen, wie der Roman Drachenläufer von Khaleed Hosseini.

Jessica hat wieder eine ihrer Lieblingsserien auf ihr Engagement hin überprüft - dieses Mal die TV-Serie Treme, die die US-amerikanische Gesellschaft des Südens nach Hurricane Katrina porträtiert. Und auch ihren Stapel ungelesener Bücher hat Jessica im Juli mit uns geteilt.

Dienstag, 29. Juli 2014

Jessicas SUB im Juli

Der Juli war bisher der Lesemonat meines Jahres. Inspiriert von einem Kurzurlaub im Bücherhotel (für Lesefans wie euch absolut zu empfehlen!), habe ich versucht wieder häufiger nur aus Spaß zu lesen. In meinem Arbeitsalltag geht das leider oft unter, da ich beruflich viel lese. Mir geht's da wie Silvia im Juni. Ich merke aber immer wieder, dass ich erstaunlich viel Zeit zum Lesen finde, wenn ich mich ein Buch an der Nase gepackt und mit Haut und Haaren in seine Welt gezogen hat. Weil das nicht mit jedem Buch und nicht in jedem Moment funktioniert, sollte der eigene SUB immer gut gefüllt sein. Damit das richtige Buch zur richtigen Zeit nur eine Armlänge entfernt ist.

Mein SUB sind nun gerade folgendermaßen aus:
  • Die geheime Geschichte von Donna Tartt (Silvia hat mich mit ihrer Empfehlung von Tartts Distelfink neugierig gemacht)
  • Das dunkle Schiff von Sherko Fatah
  • Der Sommer ohne Männer von Siri Hustvedt (bin gerade dabei und finde es toll)
  • Eines Tages, Baby von Julia Engelmann (was soll ich sagen: ich bin auch eine der 5 Mio Fans...)
  • Hystorien von Elaine Showalter 
  • Bellefleur von Joyce Carol Oates

Von Jessica