Samstag, 23. Mai 2015

»Und wie seht ihr das?« - »Erklärt Pereira« von Antonio Tabucchi, Teil I

In unserer Rubrik »Und wie seht ihr das?« wollen wir euch unsere Literaturclub-Treffen näher bringen: In Interviewform werden wir euch Fragen und Meinungen präsentieren, die wir so in geselliger Runde an- und ausdiskutiert haben und so gleichzeitig auch die Werke besprechen, die wir lesen.

Hat der Roman das gehalten, was ihr euch unter dem Titel vorgestellt habt?
Freya Ich weiß gar nicht, was ich mir unter dem Titel vorgestellt habe. Eigentlich gar nichts. Klar, man konnte mutmaßen, dass es sich um eine Art Rechtfertigung, Bericht oder Zeugenaussage handelt, aber das habe ich zunächst gar nicht so reflektiert. Vom Stil her und von der Atmosphäre in der Geschichte hat es zu meinen Erwartungen gepasst.

Johannes Da ich komplett blind an das Buch herangegangen bin, hatte ich auch keine konkreten Vorstellungen über das Buch. Von daher kann ich diese Frage nicht wirklich beantworten.

Julia Eigentlich konnte ich mir unter dem Titel nicht besonders viel vorstellen. Ich war mir nicht sicher, ob eine Person namens Pereira etwas erklärt oder die Figur Pereira und ihre Handlungen von einer anderen Person erklärt werden. Daher war ich für beides offen und da eine der beiden Versionen tatsächlich den Inhalt recht gut beschreibt, war ich nicht überrascht.

Sigi  Ehrlich gesagt, ich war positiv überrascht. Denn Pereiras Erklärungen sind nicht etwa eintönig oder simpel strukturiert, und somit auch nicht ausschließlich inhaltlich interessant und relevant. Die Form der Erzählung ist gleichzeitig sehr wichtig und tritt dennoch beim Lesen in den Hintergrund, sodass sich das Werk sehr einfach lesen lässt. Das Wichtige steht zwischen den Zeilen und das macht das Buch formal und inhaltlich interessant.

Findet ihr, dass Pereira gut erklärt hat?
Freya Auf jeden Fall. Der Roman bzw. seine Übersetzung ist unheimlich gut geschrieben, der Text ist anspruchsvoll, aber gleichzeitig ist das Lesen absolut mühelos und entspannt. Pereira wird dargestellt als zunehmend komplexe Figur.  Die Erzählungen sind mit vielen kuriosen und liebevollen Details gespickt, was den Bericht intimer erscheinen lässt. Man hat also das Gefühl, einer Erzählung zu lauschen, bei der einem nach und nach bewusster wird, welch Ernst und welche Tragik dahinter steckt. Und man ist sich weder ganz sicher, worauf die Geschichte hinauslaufen wird, noch für wen man als Leser steht. Soll man sich in der Rolle eines Polizisten oder Richters sehen? Eines Anwalts? Oder eines Freundes?

Johannes Definitiv! Pereiras Schilderungen über Portugal unter dem Regime von Salazar sind äußerst realistisch gehalten, und lassen einen direkt in seine Welt eintauchen.

Julia Das man nicht wusste, wer der Adressat der Erzählung ist, hat einen sehr für Pereira eingenommen. Vor allem die Art wie er etwas nicht erzählt hat, fand ich sehr interessant. Immer wieder sprach er z.B. seine Träume an, wandte jedoch ein, dass es nicht zum Thema gehöre. Auch  seine frühere Tätigkeit als lokaler Journalist wird immer nur angeschnitten und macht damit auf diese Figur sehr neugierig. Trotzdem kann man seiner Entwicklung gut folgen und man „hört“ ihm gerne zu.

Sigi Pereira erklärt sehr gut. Denn das Wichtigste erklärt er – zumindest erstmal – nicht. Und das ist sehr gut umgesetzt, weil das nicht Gesagte die Erzählung genauso charakterisiert wie das Gesagte. Wunderbar wird das Buch dadurch, dass es man diese Konstruiertheit nicht spürt, da man es sehr gut durchlesen kann. Aber man braucht Fantasie und Hintergrundwissen, um der Aussage des Buches auf die Spur zu kommen.

von Lisa

Tabucchi, Antonio: Erklärt Pereira, dtv, München 1997 
www.dtv.de

Dienstag, 19. Mai 2015

Rezension »Lifelogging.Wie die digitale Selbstvermessung unsere Gesellschaft verändert« von Stefan Selke


»So wie die Uhren den Lebensrhythmus in abgrenzbare Bereiche zerlegten und Zeitzonen definierten, so zerlegt Lifelogging die komplette Lebensführung in vergleichbare Messzonen.« Stefan Selke

Unter ‚Lifelogging‘ versteht man die Erfassung des eigenen Lebens durch digitale Hilfsmittel. Dies umfasst die Aufzeichnung der bei der letzten Jogging-Runde gelaufenen Strecke, bis hin zu einer ständigen Protokollierung des eigenen Lebens. Nicht erst mit der Testphase von Augmented Reality-Brillen mit der entsprechenden Aufnahme-Option digitalisieren Menschen ihr Leben und ihre Umgebung, sondern auch mit vielen Apps und elektronischen Geräten. Diesen Trend mit seinen Vorteilen und Risiken zu untersuchen, hat sich Stefan Selke mit seinem Buch vorgenommen.

Lifelogging wird derzeit hauptsächlich freiwillig betrieben, um das eigene Leben zu kartographieren und zu verbessern. Viele Apps, Geräte und Systeme zeichnen Sportaktivitäten, Mahlzeiten und andere Tagesgewohnheiten auf, mit dem Ziel ‚Schwächen‘ aufzudecken und das eigene Leben zu optimieren. Zum anderen dient es der Darstellung des eigenen Lebens nach außen. Viele Ereignisse, groß oder klein, werden mit Bildern festgehalten oder per Video aufgezeichnet und mit anderen geteilt, um sie festzuhalten und sich zu bestätigen. Die (meistens unfreiwillige) Form des Lifelogging ist das Hinterlassen von Datenspuren durchs Surfen im Internet, der Nutzung des Smartphones oder durch Überwachung öffentlicher Räume (meist zur Sicherheit). Dies hinterlässt digitale Spuren zu Verhalten, Interessen und Bewegungsmustern.

Im Buch wird klargestellt, dass es in bestimmten Situationen durchaus hilfreich sein kann Lifelogging zu betreiben. Neben der Selbstvergewisserung und einem guten Lebensgefühl, kann es helfen die Lebensqualität zu verbessern, z.B. in Krankheitsfällen. Verfolgte Personen können durch eine ständige protokollierte Präsenz ihr Leben schützen und Gewalttaten können einfacher aufgeklärt werden.

Selke macht jedoch deutlich, dass die Entwicklung viel verspricht, dass sie nicht halten kann. Datenspeicherung ist nicht einfach und eine Menge an Daten gibt weder automatisch Sinn, noch muss es hilfreich sein. Lifelogging kann unter Druck setzen durch das Nicht-Erreichen von Zielen oder im direkten Vergleich zu Anderen. Ständige Aufnahmen alles Umgebenden reduziert die Privatsphäre der aufnehmenden und umgebenden Personen und das eigentliche Erleben rückt in den Hintergrund. Dazu kommt der Zwang, der durch das ständige Überwachen entstehen kann. Viele Programme werden derzeit noch als freiwillig angeboten, aber ökonomischer Druck kann zu veränderter Wahrnehmung führen. Lebensoptimierung wird zum Zwang und jede/r der/die sich nicht anpassen oder sein Leben nicht rückhaltlos veröffentlichen kann oder will, wird ausgeschlossen. Damit entstehen neue Gesellschaftsklassen, in der Solidaritätssysteme nicht zählen und die Unschuldsvermutung nicht mehr gilt.

Insgesamt gibt Selke einen sehr guten Überblick und macht auf Probleme aufmerksam, die häufig übersehen werden oder von technologischer Logik überdeckt werden. Er macht deutlich, dass sich die Menschen nicht der Technik, sondern diese sich dem menschlichen Leben anpassen sollten. Seine Thesen sind sehr kritisch und stellen ein Gegengewicht zur Ideologie einer rückhaltlosen Technisierung dar, die beachtet und zum Diskurs anregen sollten.

Stefan Selke: Lifelogging.Wie die digitale Selbstvermessung unsere Gesellschaft verändert, Econ Berlin 2014

von Julia 

Donnerstag, 7. Mai 2015

Gratis Comic Tag am 9. Mai


‚Ich lese‘ muss nicht immer bedeuten, dass man vor einer weißen Seite mit schwarzen Lettern sitzt. Spätestens seit dem Erscheinen von Wilhelm Buschs Max und Moritz vor 150 Jahren ist klar, dass Text und Zeichnungen hervorragend zusammenpassen können. 
Seither hat sich viel getan im Bereich der Comics, Cartoons und Graphic Novels. Um diese Entwicklung und die Vielfalt, neben Max und Moritz, Asterix und Co., einem breiten Publikum sichtbar zu machen, haben sich viele Comicverlage in Deutschland, Österreich und der Schweiz für den Gratis Comic Tag zusammengeschlossen. 
Am 09. Mai werden in den teilnehmenden Comicläden und Buchhandlungen Comics, die zum Teil nur für diesen Tag produziert wurden, verteilt. Zur Auswahl stehen über 34 verschiedene Comic-Hefte für LeserInnen jeden Alters und verschiedenster Interessen. Als Highlights gelten:

Reinhard Kleist - Backstage  seine Comicreportage aus einem Flüchtlingscamp im Irak 
U-Comix: Mehr Licht! eine Sammlung von 15 Short Stories von Deutschlands Indie-Elite, die sich das UNESCO-"Jahr des Lichts 2015" als Thema gesetzt haben 
Peanuts stellt die neue Comicreihe um den ewig trübsinnigen Charlie Brown und seine Freunde vor 
Don Quixote als fantastische und eigensinnige Neuinterpretation des Literaturklassikers   
Ariol ein Kindercomic aus Frankreich 

Eine Übersicht über alle Comics für die Aktion, sowie die teilnehmenden Händler findet man auf online auf der Seite des Gratis Comic Tag
Falls Sie/Ihr schon immer mal in den Bereich Comics und Co. reinschauen wolltet, ist dies eine tolle Gelegenheit. 

von Julia

Dienstag, 5. Mai 2015

»Rezension«: Fotografie-Sammlung »Penumbrae« von Juul Kraijer

 »Penumbrae« ©Juul Kraijer
Auch wenn ich großer Fan von engagierter Literatur bin - für bildliche Kunst als solche habe ich mich meist nie interessiert. Auch weil ich dachte, ich würde Gemälde, Zeichnungen und Installationen einfach nicht verstehen. Was will mir das Bild sagen? Beziehungsweise der/die KünstlerIn? Bin ich zu unwissend und unsensibel, den tieferen Sinn herauszufinden?

Lange habe ich gebraucht zu verstehen, dass bildliche Kunst für mich dann Sinn hat - und »schön« ist -, wenn sie mich bewegt, etwas in mir anspricht, wenn sie mich zum Denken und Fühlen anregt. Eigentlich genauso wie in der Literatur. Darauf hätte ich auch schon früher kommen können.

Generell haben mir vor allem Fotografien Zugang zu bildlicher Kunst eröffnet - in letzter Zeit insbesondere die schwarz-weiß-Aufnahmen von Juul Kraijer. Die Bilder der niederländischen Künstlerin, die bis vor kurzem vor allem für ihre ebenfalls sehr spannenden Zeichnungen bekannt war, bewegen mich sehr und regen mich zum Nachdenken an. Immer und immer wieder. 

 »Penumbrae« ©Juul Kraijer
Auf ihren Fotografien, die sie seit einigen Jahren erstellt, ist oft dieselbe Frau zu sehen - immer in surrealen Porträts. Die Anmut der Frau wird kontrastiert oder betont durch ein weiteres Objekt im Bild - mal hat sie eine Schlange um den Kopf gewickelt, mal Fliegen auf den Augenlidern, mal einen Skorpion auf der Nase oder ihr Gesicht ist mit einem Astgeflecht überdeckt. 

Die Kombination von Mensch und Tier und Mensch und Objekt (Haarsträhne, Glas etc.), Koexistenz, aber auch von Herrschen und Beherrschtwerden: Wer auf den Fotografien im Mittelpunkt steht, die Frau oder das Tier beziehungsweise das Objekt, ist Ansichtssache - und nicht nur im Hinblick auf einige posthumanistische Ideen (in denen eine stärkere Anerkennung des Nicht-Menschlichen und gleichzeitig die Dezentrierung des Menschlichen in unserem Denken und Handeln gefordert wird) eine zentrale Frage.  

Wie man die Fotografien Kraijers letztendlich auch deuten mag: Das Spannungsverhältnis zwischen den Subjekten und die gesamte Bildkomposition ist fokussiert und sehr ästhetisch. Die gesammelten Fotografien in Kraijers Bildband Penumbrae sind reduziert auf das absolut Wesentliche - und rufen dabei doch so viele Emotionen hevor: Freude, aber auch Angst und vielleicht auch Ekel. Doch vor allem überwiegt beim Betrachten eines: große Faszination. Kein Wunder also, dass Kraijers Werke  unter anderem im MoMA in New York und dem Museum Kultur Palast in Düsseldorf hängen. Wenn ihr könnt: Seht sie euch in voller Größe an - oder bewundert sie zumindest in diesem wunderschön gemachten Bildband!
 

Juul Kraijer: Penumbrae, gestaltet von Tessa van der Waals, Kehrer Verlag, Heidelberg 2014.

Die Fotografien veröffentlichen wir mit freundlicher Genehmigung des Kehrer Verlages. Vielen Dank!

Von Anne-Kathrin

Freitag, 1. Mai 2015

Die politische Wirkmacht von Literatur - auch in der Volkswirtschaft!


»Die Literatur hat in meinem Denken stets eine große Rolle gespielt. […]. Viele Fragen, die ich mir über die Bedeutung von Wohlstand, Arbeit, Lohn und Erbschaft gestellt habe, kamen aus der Beschäftigung mit Literatur.«  

Thomas Piketty
(der freitag, Nr. 46, 13. November 2014, »Wir brauchen den politischen Kampf«, Gespräch mit Thomas Piketty und Jürgen Trittin)


Einige von uns lesen momentan neben der Lektüre unseres LitClubs Thomas Pikettys episches Werk Das Kapital im 21. Jahrhundert - das Werk der politischen Ökonomie der Stunde (das allerdings in der Volkswirtschaft, so berichten uns verlässliche Quellen, nicht wirklich rezipiert wird).

Was das Buch für uns unter anderem so spannend macht, ist einerseits der Rückgriff des Ökonomen Piketty auf sozialwissenschaftliche Methoden und Studien, die sonst in der Volkswirtschaft so gut wie völlig marginalisiert werden. Wir glauben mit Piketty, dass die Sozialwissenschaften sehr viel zu einem gelingendem politisch-ökonomischen Projekt beitragen können.

Vielleicht noch großartiger finden wir allerdings die Tatsache, dass ein Wirtschaftwissenschaftler von Pikettys Rang großzügig auf Beispiele aus der klassischen Literatur (Jane Austen, Honoré de Balzac) zurückgreift, um die Auswirkungen von ökonomischen Maßnahmen auf das Individuum und das Kollektiv zu veranschaulichen. 

Dieser offene und interdisziplinäre Denkansatz erlaubt einerseits wirtschaftliche Zusammenhänge und ihre gesellschaftlichen Auswirkungen aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu sehen. Gleichzeitig macht es das Buch aber auch lesbar und gut verständlich!

Piketty weist Literatur also eine ebenso großangelegte Rolle in der Gesellschaft und in der Politikgestaltung zu wie auch Martha Nussbaum. Deren Plädoyers für die Befassung mit Literatur, um den öffentlichen Raum zu gestalten, haben wir bereits vor einiger Zeit hier und hier vorgestellt. 

Literatur ist wirkmächtig, finden wir, und das findet offensichtlich auch Thomas Piketty - und wie seht ihr das? 

Von Anne-Kathrin und Jessica