Montag, 27. Juni 2016

Rezension: »Was noch zu tun ist. Damit Frauen und Männer gleichberechtigt leben, arbeiten und Kinder erziehen können« von Anne-Marie Slaughter

Vor einigen Jahren machte ein Artikel unter FeministInnen, Businessmenschen und TradtionalistInnen Furore: Anne-Marie Slaughter, ehemalige Direktorin des politischen Planungsstabs im US-Außenministerium unter Hillary Clinton, hatte im Magazin The Atlantic eine steile These aufgestellt: Frauen könnten eben immer noch nicht »alles haben«. Warum das so sei, erklärte sie damals in ihrem Artikel Why Women Still Can't Have It All.

Die Aufregung und die Debatte, die daraufhin entstanden, kreisten um die Tatsache, dass sich Slaughter entschieden hatte, ihre hohe politische Position aufzugeben, um mehr Zeit und Aufmerksamkeit ihren Teenager-Söhnen zu widmen. Das erschien vielen Frauen, die so hart dafür gekämpft hatten, Karriere und Familie zu vereinbaren, als harter Schlag ins Gesicht. Denn Slaugther, eines ihrer großen Vorbilder für Vereinbarkeit, proklamierte öffentlich, dass der Wunschtraum, beides zu haben, oft nicht der Realität entspreche. Die Verwirrung war groß, denn fast zeitgleich verföffentlichte Facebooks Geschäftsführerin Sheryl Sandberg ihr Motivationsmanifest Lean In, in dem Sandberg Frauen riet, sich in die Karriere reinzuhängen und die Vereinbarkeit Wirklichkeit werden zu lassen.

Nun hat Anne-Marie Slaughter ihre Gedanken ebenfalls in Buchform gegossen und ein viel beachtetes Buch vorgelegt, in der sie ihre eigene Entscheidung, ihre Sicht auf das Dilemma der Vereinbarkeit von Karriere und Familie und mögliche Lösungsstrategien skizziert. 


Slaughter möchte (jüngeren) Frauen darin »die nötige Dosis Realismus« mit auf den Weg legen, denn jenseits aller Planungen für Karriere und Familie könne im Leben trotzdem alles anders laufen: »Sie können alles haben, wenn Sie sich nur genügend für Ihre Karriere engagieren ... und wenn Sie das Glück haben, nie an den Punkt zu geraten, an dem das sorgfältig austarierte Gleichgewicht zwischen Beruf und Familie kippt [Hervorhebungen im Original].« Diese realistische(re) Einschätzung der Probleme hinsichtlich Vereinbarkeit wirkt für ein Buch aus dieser Sparte sehr erfrischend.

Die Autorin macht deutlich, dass wir auf der Ebene der Gesellschaft noch sehr viel zu tun haben, um wirkliche Gleichberechtigung, auf der die Vereinbarkeit von Familie und Karriere beruht, zu erzielen. Dabei nimmt sie die Arbeitswelt, aber auch das Individuum, Frau und Mann, in die Pflicht. Begrüßenswert ist die Tatsache, dass Slaughter sich sehr wohl bewusst ist, dass sie als weiße, gut ausgebildete und privilegierte Frau in einer ganz anderen Position ist als diejenigen Frauen, die mehrere Jobs gleichzeitig machen müssen, um ihre Familien zu ernähren; in deren Leben Armut und Gewalt eine dominierende Rolle spielen.

Ihre Lösungsansätze klingen für europäische LeserInnen trotzdem nicht gerade innovativ und bleiben etwas kraftlos: Sie plädiert dafür, Eltern eine Arbeitszeitreduzierung zu ermöglichen, stellt flexible Arbeitszeitmodelle der großen amerikanischen Konzerne vor und appelliert an die Gesellschaft, care-Arbeit, also die Pflege von Kindern oder älteren Angehörigen, aufzuwerten.

Das ist der große Wehmutstropfen an Slaughters Buch. Sie bietet nur Lösungswege an, die sich einen Ticken zu nahtlos in die bestehende (Geschlechter-, Gesellschafts- und Wirtschafts-)Ordnung einpassen. Gerade für diejenigen, die sich schon seit langem mit der Frage nach Gleichberechtigung in allen Lebensbereichen einsetzen, klingen die Vorschläge der Autorin, die mittlerweile Präsidentin und Geschäftsführerin des politischen Think Tanks New America ist, nicht gerade revolutionär. So ist Slaughters Buch wohl eher für diejenigen Frauen und Männer relevant und wichtig, die in die Thematik einsteigen.

Anne-Marie Slaughter: Was noch zu tun ist. Damit Frauen und Männer gleichberechtigt leben, arbeiten und Kinder erziehen können, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016.

Von Jessica und Anne-Kathrin

Dienstag, 14. Juni 2016

Rezension: »Gutes besser tun. Wie wir mit effektivem Altruismus die Welt verändern können« von William MacAskill

»Gutes zu tun«, was immer das auch letztendlich heißt - das ist für William MacAskill nicht genug. Der 29-jährige, der Philosophieprofessor in Oxford ist, findet: Wenn wir Gutes tun, dann doch möglichst das Beste. Einfach nur für den guten Zweck zu spenden, für eine gemeinnützige Organisation zu arbeiten oder Fairtrade-Produkte im Alltag zu kaufen, sei zwar gut; aber eigentlich sollten wir mit unserer Zeit und unserem Geld das Maximale an Unterstützung für eine größtmögliche Anzahl an Menschen bewirken. Das bezeichnet MacAskill als »effektiven Altruismus«. 


Als effektive AltruistInnen sollten wir uns laut MacAskill vor jeder Spende oder Jobentscheidung die folgenden fünf Fragen stellen: »1. Wie viele Menschen profitieren davon und in welchem Maß? 2. Ist dies das Wirksamste, das Sie tun können? 3. Ist dies ein vernachlässigter Bereich? 4. Was wäre andernfalls geschehen? und 5. Wie gut sind die Erfolgsaussichten, und wie viel wäre ein Erfolg wert?«

Diese Fragen erläutert der Philosoph in seinem Buch kapitelweise mit Beispielen und vor allem mit statistischen Berechnungen. So kommt er unter anderem zu der Annahme, dass es sinnvoller ist, für Entwurmungsprogramme zu spenden als für die Hilfe unmittelbar nach einer großen Naturkatastrophe. Auch ist es für ihn aufgrund seiner Berechnungen klar, dass wir viel mehr bewirken können, wenn wir uns finanziell für die ärmsten Länder der Welt engagieren als für den heimischen Naturschutz. So weit, so nachvollziehbar.

Im Gegensatz zu ExpertInnenmeinungen, die unter anderem von dem deutschen Ökonomen Niko Paech vertreten werden, ist MacAskill zudem der Meinung, dass wir ruhig weiter einem gewissen Lebensstil frönen und mit relativ gutem Gewissen zum Beispiel Flugreisen unternehmen könnten. Wir könnten uns nämlich durchaus mithilfe von Spenden von den Emissionen »freikaufen«. Und zuguterletzt rät er, gerne auch in sehr gut bezahlten Jobs Geld zu scheffeln - unter anderem im Bankensystem -, um einen Großteil des Einkommens zu spenden. Damit, so MacAskill könnten wir viel mehr Gutes in der Welt tun, als wenn wir Brot für die Welt, die Caritas und Co. arbeiten würden.

Gutes besser tun ist ein sehr interessantes Buch, das wichtige Denkanreize gibt und seine LeserInnen intellektuell und moralisch herausfordert. Es ist radikal in dem Sinne, dass der Autor konsequent unter einem Gesichtspunkt Wohltätigkeit durchdekliniert: Gutes tun ist zu wenig, wenn mensch etwas Besseres erreichen kann - die optimalste und effektivste Hilfe gibt es und wir müssen sie mithilfe unseres Verstandes finden. Nicht weniger fordert William MacAskill, der nicht nur ein Buch über den »effektiven Altruismus« geschrieben hat, sondern auch eine Karriereberatung für all jene gegründet hat, die mit ihrer Berufstätigkeit am effektivsten Gutes tun wollen.
 
Allerdings: So ganz unkritisch sind viele Prämissen von Gutes besser tun für mich nicht. Meine wesentlichen Kritikpunkte lauten:

a) MacAskill findet, effektive Altruisten sollten einen Job in Bereichen wie dem Hedgefondsmanagement annehmen, um das damit verbundene exorbitant hohe Gehalt zu großen Teilen gemeinnützigen Organisationen zukommen zu lassen. Auch die Tatsache, dass er nicht für eine generelle Einschränkung des Fliegens ist und die Frage nach einem Konsumverzicht außer Acht lässt, macht mich stutzig. Daran kritisiere ich letztendlich, wie andere KommentatorInnen vor mir, dass somit all jene, die diesen Ratschlägen folgen, ein System unterstützen, das Ungerechtigkeit, Armut und Not erst ermöglicht beziehungsweise verstärkt.  

b) Das Buch richtet sich klar an eine wohlgebildete, potentiell wohlhabende LeserInnenschaft - insbesondere augenscheinlich an Leute, die wie MacAskill selbst an renommierten Universitäten wie Oxford, Cambridge oder Harvard studiert und die sowohl Ressourcen als auch den kulturellen/habituellen Background haben, sich um Wohltätigkeit zu kümmern. Daran ist nichts Schlechtes, im Gegenteil. Gerade diese Gruppe von Menschen, die so viele Privilegien hat, sollte geben. Allerdings werden sich umgekehrt wohl viele, die nicht an den besten Universitäten studiert und die bislang nicht einen Doktortitel in Wirtschaftswissenschaften (damit könne mensch laut dem Autor in der Welt viel bewirken) angestrebt haben, von MacAskills Ratschlägen nicht angesprochen fühlen. Von Menschen, die gar nicht studiert haben, ganz zu schweigen (ihre Karrierechancen werden in einem einzigen Absatz lapidar abgehandelt). 

c) MacAskill ist Dualist - er unterstellt vielen WohltäterInnen, auf ihr Herz zu hören anstatt auf ihren Verstand, wenn sie spenden oder sich für einen guten Zweck engagieren. Dagegen möchte er ein rein »rationales« Modell von Berechnungen stellen. Damit führt er den Jahrhunderte alten vermeintlichen Widerspruch zwischen rationalem Denken und emotionalem Fühlen weiter, der von der aktuellen Emotionsforschung in Zweifel gezogen wird. Natürlich ist sein Hinweis, dass wir oft relativ planlos aufgrund von dramatischen Bildern in den Medien spenden, sehr wichtig. Ich zweifle allerdings stark an der Aura der Rationalität, mit der sich der Autor umgibtUm es in alten Dualismen auszudrücken: Zu Entscheidungen gehören immer der Kopf und das Herz und indem MacAskill dies zu leugnen scheint, leidet in meinen Augen wieder die Authentizität.  

d) Wenn wir alle nur nach dem effektivsten Weg schauen, Gutes zu tun - was ist dann mit den Anliegen, die nicht so effektiv sind, wie andere, die aber auch wichtig sind, dass wir uns ihnen annehmen? Eine zufriedenstellende Antwort auf diese zentrale Frage gibt MacAskill meines Erachtens nicht. Sein Argument bleibt letztendlich immer: Nur die Maximalität unseres Helfens ist geboten - zumindest für all jene, die maximal und effektiv Gutes tun wollen. Sich aus Gründen der Effektivität nicht um seltene Krankheiten oder den einzelnen Menschen zu kümmern, auch um denjenigen, den mensch nicht retten kann - da frage ich mich, wie gerecht eine Welt sein kann, in der nur das Maximale zählt.

Mein Fazit: Gutes besser tun eignet sich hervorragend, um die eigene Position zum Thema »Gutes tun« zu finden, zu stärken oder zu überdenken - ob sie nun einfach »gut« oder »besser« im Sinne des effektiven Altruismus sein muss, das muss dann jede/r selbst entscheiden. 

William MacAskill: Gutes besser tun. Wie wir mit effektivem Altruismus die Welt verändern können, Ullstein Verlag, Berlin 2016.

Von Anne-Kathrin 

Dienstag, 3. Mai 2016

Podcast #1 - Buchbesprechung von »Regretting Motherhood« (Orna Donath)

Was sind wir aufgeregt! *Trommelwirbel*... ähem, hinaus in die Welt die folgende Ansage:

Jessica und Anne-Kathrin wollten sich schon seit Jahren mal an einem Podcast versuchen - und hier ist er, in all seiner erfrischenden Unperfektion, aber dafür mit viel Authentizität und Freude gemacht :-)

Das Thema von Podcast#1? Eine eher unklassische Buchbesprechung von Regretting Motherhood. Wenn Mütter bereuen von Orna Donath! Die israelische Wissenschaftlerin hat mit ihrer Studie über Mütter, die bereuen, Mütter geworden zu sein, in den vergangenen Monaten hohe Wellen geschlagen. Jessica hat das Buch gelesen und teilt ihre Eindrücke mit uns.


Hier könnt ihr unseren Podcast#1, unser Gespräch über Regretting Motherhood, hören:



Wie hat euch Podcast#1 gefallen? Sollen wir weitermachen? Oder sollen wir uns lieber weiterhin dem Schriftlichen widmen? :-) Kommentare sind sehr erwünscht!

Von Anne-Kathrin

Freitag, 22. April 2016

Buchvorstellung: »Familiäre Pflichten«, hrsg. v. Monika Betzler und Barbara Bleisch

Die Familie: Irgendwie ist sie mehr oder weniger immer da, im Guten wie im Schlechten, und mehr oder weniger fest verlaufen unsere jeweiligen Rollen in ihren Bahnen. Wir alle kommen aus einer Familie, die meisten von uns haben (noch/wieder) eine Familie, viele wünschen sich eine und manche sind froh, dass sie ihr mehr oder weniger entkommen sind.

Interessant ist das Familienleben in der Realität, so oder so. Aber auch auf einer theoretischen Ebene kann es sehr spannend sein, sich über die vielfältigen Verbindungen innerhalb unseren Familien Gedanken zu machen - vor allem auch darüber, welche Rechte und Pflichten aus dem Familienverhältnis erwachsen. Was können wir eigentlich von unseren Eltern, unseren Kindern, unseren Geschwistern legitimerweise an (moralischer, zeitlicher, finanzieller, pflegender etc.) Unterstützung erwarten? Und welche Ansprüche können unsere Schwestern, unsere Väter, unsere Kinder an uns stellen? Gibt es eigentlich überhaupt so etwas wie Pflichten, die uns qua Zugehörigkeit zu einer Familie auferlegt sind?

Mit diesen und weiteren Fragen beschäftigen sich die AutorInnen der Aufsätze in Familiäre Pflichten. Herausgegeben von der Philosophieprofessorin Monika Betzler und der Philosophin und Moderation Barbara Bleisch, werfen ForscherInnen aus Großbritannien, Deutschland, USA und Neuseeland in dem Sammelband philosophische Blicke auf Familienbeziehungen und auf deren normative (Spreng-)Kraft. Sie ergründen, woraus sich gegebenenfalls Pflichten - der Eltern gegenüber ihren erwachsenen Kindern, der Kinder gegenüber ihren Eltern, und Geschwister gegenüber ihren Geschwistern - ergeben könnten.
 
Reicht beispielsweise die Liebe zueinander aus, um daraus ein Recht auf Unterstützung, auf Pflege, auf Kontakt abzuleiten? Was würde daraus für Familien folgen, in denen sich einzelne oder alle Mitglieder voneinander entfernt haben, wo keine Liebe (mehr) vorhanden ist? Und können Eltern aus dem Aufziehen ihrer Kinder gegenüber ihren nun erwachsenen Kindern Unterstützung einfordern, in dem sie daran appellieren, dass die Kinder ihnen dies schuldig seien? 

In ihren teilweise konträren Ansichten zur Begründung und dem Ausmaß von elterlichen (»parentalen«) Pflichten, Kinderpflichten und Geschwisterpflichten führen uns die AutorInnen (darunter Ursula Wolf, Axel Honneth und Simon Keller) in Familiäre Pflichten vor Augen, dass die Familie auch im Hinblick auf etwaige Gesetzmäßigkeiten eine komplexe Angelegenheit ist. 

So bleibt die Familie nach der Lektüre zwar weiterhin ein emotional aufgeladener Ort faszinierender menschlicher Verbindungen, im Guten wie im Schlechten; das Buch kann uns aber dabei helfen, diese familiären Bindungen und Rollen besser zu verstehen. Es kann dazu beitragen, nur vage in Worte zu fassende Reflexe, Gefühle und Gedanken innerhalb und zu den/r eigenen Familie/n philosophisch zu reflektieren. Und das ist ebenfalls ziemlich faszinierend.

Monika Betzler/Barbara Bleisch (Hrsg.): Familiäre Pflichten, Suhrkamp, Berlin 2015.

Von Anne-Kathrin