Dienstag, 14. April 2015

Rezension »Unsagbare Dinge.Sex, Lügen und Revolution« von Laurie Penny

»Seit über einem Jahrhundert ist das Wort »Schlampe« ein Ausdruck harscher Kritik. […] Das Wort weist sie [Frauen, Mädchen, queere und arme Menschen] zurecht, vermittelt ihnen, dass es schandbar ist, mehr zu wollen, als ihnen zusteht, sei es der Kuss eines Fremden eine neue Weltordnung oder ein zweites Stück Kuchen.«

Nach der Lektüre von Laurie Pennys Unsagbare Dinge haben sich zwei Erkenntnisse fest eingeprägt: 1. Unsere Gesellschaften sind voller Ungerechtigkeiten, die für viele Menschen das Leben zur Hölle machen: Für alle die nicht weiß, männlich, hetero und wohlhabend sind; 2. Es gibt andere die das genauso sehen, daher es ist nicht zu spät diese Situation zu ändern. 

Gleich zu Beginn ihres Buches macht Penny ein paar Dinge klar. Sie versteht unter Feminismus »Fragen zu stellen und immer weiter Fragen zu stellen, auch wenn sie unbequem sind«, und das für sie Feminismus die Befreiung aller zum Ziel haben muss.  Sie macht außerdem deutlich, dass die Kritik am patriarchalen System für sie nicht von der Kritik an der kapitalistischen Wirtschaftsordnung zu trennen ist. Lange war der (feministische) Tenor: Wenn wir nur alle Karriere machen können, ist die Gleichberechtigung schon da. Viele Frauen und Männer wuchsen mit dem Verständnis auf, dass der Feminismus nicht mehr benötigt wird, da man jetzt alles haben könne. In den letzten Jahren wurde jedoch sehr deutlich, dass diese Annahmen nicht stimmen.

Penny analysiert die verschiedenen Formen von Unterdrückung in der Gesellschaft, die allen widerfahren, aber immer noch in besonders systematischer Weise Frauen. Sie beginnt mit einer sehr persönlichen Erfahrung ihrer eigenen Behandlung der Essstörung in einer geschlossenen Klinik und nähert sich damit dem, was sie »abgefuckten Mädchen« nennt. Denen, die sich nicht anpassen können oder wollen, die Raum einnehmen oder versuchen daraus zu verschwinden, allen die dem perfekten Bild des braven Mädchens nicht genügen und denen dadurch suggeriert wird, dass sie selbst Schuld sind, wenn sie nicht glücklich sind. Sie verdeutlicht wie sehr darauf gedrungen wird, dass Frauen »ihre Weiblichkeit« annehmen sollen, sie sich mit diesem Bild aber nicht wohlfühlen können und dadurch noch mehr ins Abseits gedrängt werden.

Natürlich vergisst sie die »verlorenen Jungs« dabei nicht, die man als braves Mädchen zu retten und zu unterstützen hat. Diese Jungs, die mit einem Bild des heldenhaften, mächtigen Mannes groß geworden sind, das in Zeiten von Wirtschaftskrisen nicht gelebt werden kann (und auch nie real existiert hat). Penny macht deutlich woher die, häufig unbewusste, Frustration der Männer kommt, die sich leider allzu oft in Gewalt gegen und im Ausnutzen von Frauen zeigt. Viele Widerstände gegen die Beseitigung der Unterdrückung von Minderheiten entstehen, entstehen nicht aus Hass, dies ist nur ein Ausdruck der Angst, die sichere und als natürlich gepriesene Überlegenheit aufgeben zu müssen.

Dass die Unterdrückung und falschen Rollenbilder die romantischen und sexuellen Vorstellungen nicht unberührt lassen, beschreibt Penny in ihren Ausführungen zum »Antiklimax« und »Liebe und Lügen«. Weibliche Sexualität gilt immer noch als unnatürlich und muss unterdrückt werden. Gleichzeitig wird männliche Sexualität immer als aggressiv und dominant dargestellt. Diese Ansichten bedeuten nicht nur, dass alle die anders empfinden ständig diskriminiert werden, sondern auch, dass weiterhin Frauen bei Gewalttaten »selbst schuld« sind die »natürliche« Aggressivität der Männer auf sich gezogen zu haben. Romantische Liebe wird dazu auf ein Muster verengt, dass nur wenige haben oder wollen. Alle Modelle außerhalb der lebenslangen Paar-Beziehungen zwischen Mann und Frau, gelten als falsch. Besonders Single sein wird nicht toleriert und allen Menschen die nicht in dieses Muster passen können oder wollen, wird suggeriert, dass sie etwas falsch gemacht haben und sie nicht glücklich sein können.

Besonders deutlich äußert sich Penny zu dem Hass, der Frauen entgegenschlägt in ihrem Kapitel über »Cypersexismus«. Sie zeigt anhand der sexistischen Gewaltandrohung, die ihr und anderen Frauen entgegenschlägt, die sich öffentlich äußern, wie verbreitet diese Ansichten sind und wie wenig getan wird, um die Opfer zu schützen. Autoren von solchen Angriffen berufen sich dazu noch auf die Meinungsfreiheit, die sie genau mit solchen Ausbrüchen unterbinden wollen. Die Hoffnung auf ein Internet in dem alle sich gleichberechtigt aufhalten können, wurde damit schon lange abgeschrieben.

Die Zustände die Penny anspricht kennen viele von uns aus ihrem Leben oder haben sie schon um sich herum bemerkt. Die Klarheit mit der Penny vieles benennt und auch gut gemeinte Gesten entlarvt, ist erschreckend und deprimierend. Doch trotz dieser Erkenntnisse, bleibt Penny überzeugt, dass wir noch Zeit haben etwas zu ändern und glaubt weiterhin daran, dass ein friedliches Zusammenleben und gleichberechtigte Liebesbeziehungen möglich sind.  

Mir bleibt nur eins zu sagen: Diese Buch sollte jede/r lesen, vielleicht hat die Revolution dann eine Chance.  

Laurie Penny: Unsagbare Dinge.Sex, Lügen und Revolution, Nautilus Flugschriften Hamburg 2015

von Julia

Freitag, 10. April 2015

Welttag des Buches - Wir verlosen Tamta Melaschwilis »Abzählen«

http://bloggerschenkenlesefreude.de/
Zum Welttag des Buches am 23.April 2015 möchten wir BloggerInnen von LesErLeben uns auch dieses Jahr wieder an der Aktion Blogger schenken Lesefreude beteiligen. Diesmal beginnen wir etwas früher und lassen unser Gewinnspiel am 23. April enden.

Zum Welttag des Buches 2015 verlosen wir »Abzählen« von Tamta Melaschwili, das uns freundlicherweise vom Unionsverlag zur Verfügung gestellt wurde. Um das mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis 2013 ausgezeichnete Buch zu gewinnen, müsst ihr einen Kommentar unter diesem Post hinterlassen. Teilt uns mit, warum ihr das Buch gewinnen möchtet, wie euch unser Blog gefällt oder wie ihr den Welttag des Buches feiert – seid kreativ! Wichtig ist, dass ihr uns eure E-Mailadresse hinterlasst, damit wir euch kontaktieren können, solltet ihr gewonnen haben (eure Daten werden nach der Verlosung gelöscht und nicht weiter verwendet)!

Die Verlosung läuft ab sofort und endet am 23. April um 23:59h. So lange könnt ihr eure kreativen Kommentare (& E-Mailadressen) hinterlassen, um an der Verlosung teilzunehmen. Wir freuen uns darauf, diesmal etwas von euch zu lesen!

 
Nun möchten wir euch aber noch die Autorin und den Roman unserer diesjährigen Verlosung vorstellen. Tamta Melaschwili ist Georgierin und wurde 1979 in Ambrolauri geboren. Sie hat ein Jahr als Migrantin in Deutschland gelebt, bevor sie anfing in Budapest zu studieren. Nach ihrem Abschluss in Gender Studies lebt sie heute wieder in Georgien und engagiert sich für Frauenrechte und Genderfragen.

Ihr Debütroman Abzählen beschreibt drei Tage im Krieg, Mittwoch bis Freitag, aus der Sicht zweier Mädchen, die im Alltag dieses Krieges versuchen zu überleben. Interessant und sinnstiftend ist dabei die Erzählweise des Romans. Die Geschehnisse in diesen drei Tagen sind nicht in linearer Abfolge sondern alternierend dargestellt. Erst zum Ende hin erschließt sich dem Leser mehr und mehr ein Gesamtbild der Situation. Hinzu kommt, dass die Geschichte fast ausschließlich im Präsens und in wörtlicher Rede erzählt wird. Daher wirken die Situationen wie Erinnerungsfetzen ohne Ausschmückung oder Darstellung der Umgebung. Die Grausamkeit und Not des Krieges werden durch die Handlungen und Unterhaltungen der beiden Hauptfiguren Ninzo und Zknapi aufgedeckt, die zwischen diesen ganzen Aufregungen ihr Familienleben und ihre Pubertät versuchen in den Griff zu bekommen. Trotz dieser zu Beginn vielleicht sehr distanziert wirkenden Erzählweise, gelingt es der Autorin den Leser emotional in die Erzählung einzubeziehen, was besonders im Hinblick auf die Wucht des Endes sehr gut gelingt.

Obwohl es im Roman keine historische oder geografische Verortung der Konfliktzone gibt, weist vieles auf den georgisch-russischen Krieg als Hintergrund des Romans hin. Der Roman ist allerdings so allgemein gehalten, dass er vermutlich in jeder Konfliktzone auf der Welt spielen könnte.

Wir hoffen, diese kurze Beschreibung hat euer Interesse geweckt. Vielen Dank nochmal an den Unionsverlag, der uns das Buch zur Verlosung zur Verfügung gestellt hat. Nun seid ihr an der Reihe uns zu schreiben. Viel Glück!

Von Sigrid 



Regeln auf einen Blick:

  • Teilnehmen dürfen alle LeserInnen aus Deutschland.
  • Bitte hinterlasst einen kreativen Kommentar unter diesem Post.
  • Die Verlosung dauert vom 10.04.2015 bis zum 23.04.2015 um 23:59h.
  • Ausgelost wird so schnell wie möglich nach dem 23.04.2015.
  • Alle, die einen tollen Post und ihre E-Mailadresse hinterlassen haben, kommen in einen Topf und wir ziehen die/den GewinnerIn.
  • Die/der GewinnerIn wird per Email benachrichtigt.
  • Das Buch wird per Post versandt. Die Haftung für den Versand ist ausgeschlossen.
  • Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
  • Wir behalten uns das Recht vor, das Gewinnspiel vorzeitig abzubrechen.

Quellen:
http://gratzfeld.ch/pages/de/authors/tamtamelaschwili.php
http://www.djlp.jugendliteratur.org/2013/jugendbuch-3/artikel-abzaehlen-3878.html
http://www.unionsverlag.com/info/title.asp?title_id=2650


Freitag, 3. April 2015

Sigrids SUB im März

Mein Stapel ungelesener Bücher ist diesmal kleiner als mein Stapel angelesener Bücher – das ist ungewöhnlich, denn in der Vergangenheit habe ich eher dazu tendiert, Bücher konsequent nacheinander zu lesen, während ich jetzt viele Bücher parallel anfange. Lese ich mittlerweile mehrere Werke gleichzeitig, weil mich keins davon so richtig mitnimmt und interessiert?! Aber nein, für Klassiker brauche ich einfach mehr Zeit und Muße, besonders wenn ich sie in der Original-Sprache lese. Und dann passt hier und da nochmal etwas Leichtes dazwischen, für den Alltag. Oder etwas, das ich unbedingt anlesen muss, weil es mir so unter den Nägeln brennt. Manchmal erlebt man dann auch so seine Überraschungen…

SUB
-    Mirko Bonné: Nie mehr Nacht
-    Mario Vargas Llosa: Der Traum des Kelten
-    Tamta Melaschwili: Abzählen

SAB
-    William Shakespeare: Much Ado About Nothing
-    Calderón de la Barca: La Vida Es Sueño
-    Arthur Conan Doyle: Sherlock Holmes – The Complete Novels and Stories
-    Ernst von Aster: Geschichte der Philosophie
-    Juan Gabriel Vásquez: Die Informanten

Von Sigrid

Dienstag, 31. März 2015

Rezension: »Die granulare Gesellschaft« von Christoph Kucklick

»Der granulare Mensch [..] wird [..] davon berichten, wie er auf das Unvorhergesehene reagiert und sich dabei immer wieder neu erfunden hat. Er wird auch davon berichten, welche Gelegenheit er ergriffen hat, aber noch häufiger davon, welche Gelegenheiten ihn gergriffen haben. Er wird das Leben nicht als Pfeil beschreiben, sondern als unübersichtliches Spielbrett. Und überhaupt: als Spiel.«


Dieses Zitat aus dem fulminanten Sachbuch Die granulare Gesellschaft. Wie das Digitale unsere Wirklichkeit auflöst von Christoph Kucklick beschreibt treffend die Grundhaltung, die der Soziologe in seiner Studie über die digitale Gegenwart und die erwartbare Zukunft einnimmt. 

Kucklick ist nämlich keiner derjenigen, die aufgrund des digitalen Wandels und von »Big Data« in Apokalpysestimmung verfallen. Neugierig, anerkennend, aber auch kritisch, analysiert er in seinem kurzweiligen Buch anhand prägnanter Beispiele die Beispiellosigkeit unserer heutigen Zeit: Krankheiten können mithilfe von gezielter Datenerhebung individuell und besser diagnostiziert und behandelt werden - auch wenn gleichzeitig dem einzelnen Menschen die individuelle Verantwortung für sein Wohlergehen übertragen wird; selbtfahrende Autos können Unfälle vermeiden und versprechen deutlich weniger Stress auf den Straßen - aber bringen dabei das Recht und die Rechtsphilosophie von Schuld und Unschuld an seine Grenzen; Wahlkampf kann nun gezielt Individuen ansprechen, nicht nur ungenaue Massen - auf Kosten der politischen Transparenz und damit auch auf Kosten der Demokratie.

Wir Menschen stehen im Mittelpunkt der faszinierenden und sehr lesefreundlichen Analyse von Kucklick. Seine Hauptthese zu unserer Zukunft lautet: Der Mensch wird granular. Das heißt, er wird so singular, so feinkörnig (erfasst), dass er nicht mehr in Kollektiven gedacht werden und als Teil eines solches behandelt werden kann - weder von der Politik, noch von Versicherungen oder den Global Player der Tech-Industrie. Individualisierung beziehungweise Singularisierung bis zum Äußersten ist das, was uns laut Kucklick im Guten wie im Schlechten erwartet. 

So kritisiert Kucklick unter anderem die Glorifizierung des »Scheiterns«, die die digitale Elite momentan zelebriert, eine Glorifizierung, die sich nur diejenigen leisten können, die nichts zu verlieren haben - weil sie als Gründer von Millionenschweren digitalen Start-ups zu den Gewinnern der digitalen Revolution gehörten. Auch das ist ein Beispiel für die große Ungerechtigkeit der granularen Welt, vor der Kucklick warnt: der Ungerechtigkeit zwischen den Gewinnern der digitalen Ära und denjenigen, die nicht mithalten können und wollen. Beziehungsweise ist dies auch die Ungerechtigkeit zwischen denjenigen, die Zugriff auf die riesigen Datenmengen haben, die wir tagtäglich produzieren, und damit großen Profit erwirtschaften, und denjenigen, die diese Daten liefern und dafür im Gegenzug nicht angemessen informiert und für die Preisgabe ihrer Daten gewissermaßen »entlohnt« werden.

Und gleichzeitig sieht Kucklick auch die Vorteile unseres Lebens in der zunehmenden Digitalisierung. So macht er beispielsweise eine »Revolution des Schreibens« aus: »Seit wir vor Tastaturen sitzen, verfassen wir ungeheure Mengen an Text.« Diese Schreibmanie, in die er auch WhatsApp-Nachrichten und Facebook Messages einschließt, führe nicht nur zu mehr Kommunikation mit unseren Mitmenschen, sondern vor allem auch zu einer Steigerung des Selbsterkenntnisses und vor allem der Empathie - wie übrigens auch das von Eltern so gehasste Computerspielen. 

Diese Empathie ist das, was uns Menschen in Kucklicks Augen in der Zukunft auszeichnen wird - und die Fähigkeit zur Anpassung an den Fortschritt: »Der Stolz der Moderne bestand darin, jemand zu sein und daran festzuhalten. Der Stolz der granularen Gesellschaft besteht darin, immer wieder ein anderer sein zu können, ohne sich dabei zu verlieren.«

Christoph Kucklick: Die granulare Gesellschaft. Wie das Digitale unsere Wirklichkeit auflöst, Ullstein, Berlin 2014.


Von Anne-Kathrin

Freitag, 27. März 2015

Rezension: »Flut und Boden« von Per Leo

Ich mache kein Geheimnis daraus: Lange war ich nicht so fasziniert, beeindruckt - und einer Lektüre zugleich streckenweise so müde wie im Falle von Flut und Boden. Noch einen Nazi-Familienroman wollte ich in naher Zukunft eigentlich gar nicht lesen. Aber Leos Buch ist in diesem Genre etwas Besonderes und überrascht auf mehreren Ebenen. 

Mein Wissen um die Existenz dieses Romans kam nicht etwa daher, dass es 2014 für den Leipziger Buchpreis nominiert wurde. Nein, man hat mich mit den verächtlichen Worten, »da ist ein verherrlichendes Kapitel zu Herbert drin« darauf aufmerksam gemacht. Zwar habe ich nie in Freiburg studiert, aber in Ulrich Herberts Vorlesung, da saß auch ich einmal drin. Herbert ist eine Größe unter den deutschen Historikern und einer, zu dessen Person die Wahrnehmungen in alle Richtungen auseinandergehen – nicht aber in Bezug auf seine Qualitäten als NS-Wissenschaftler.

Per Leo macht sich sein Vorbild im Studium daher auch schriftstellerisch zunutze: Indem er Herberts Seminar »Nationalsozialistischen Vernichtungspolitik während des Zweiten Weltkriegs« und sein individuelles Charisma als Aufhänger benutzt, um dem Leser einen willkommenen Gegenpol zu bieten. Aber einen Gegenpol zu was?

Das 350-Seiten Werk des promovierten Historikers Leo spielt mit dem klassischen Familienroman - und ist doch ganz anders. »In diesem Genre«, schrieb ich ein paar Absätze zuvor. Als »Familienroman« betitelt zwar auch Leo seine Geschichte, lesen tut sie sich aber über lange Strecken wie ein weit ausschweifender literarischer Aufsatz. Wie ein Erzähl-Opa im Ohrensessel, nur peppiger, witziger und philosophischer, kommt der Autor daher.

Opa – ein gutes Stichwort, um zum Kern des Romans zu kommen. Per Leo verschleiert sein Erzähl-Ich nicht, er schreibt als er selbst, er schreibt über seine Familie. Es ist ein Portrait, das er trotz - oder wohl eher gerade wegen – seiner Scham ungeniert an die Öffentlichkeit trägt. Eine Art Selbsttherapie, wenn man so will. 

Leo begibt sich mit seinem Roman »auf die Couch«
(Foto: Roland Büchter)
Als Per Leo im Regal seines verstorbenen Großvaters diverse NS-bejahende Bücher entdeckt, fällt er in eine tiefe Krise. Ich – der Nazi-Enkel. Ein vielfach in der Literatur und den Medien verarbeitetes und gefürchtetes Eingeständnis. Als Geschichtsstudent mit Nazi-Komplex besucht er also den psychologischen Dienst der ALU Freiburg, um von seiner inneren Leere zu berichten. Von der Beraterin zunächst nicht ernst genommen, erwähnt er im Nebensatz die Entdeckung der SS-Vergangenheit seines Großvaters – Grund genug für eine Diagnose! 

Doch Per Leos Umgang damit zeigt, dass man die deutsche Vergangenheit auch anders aufarbeiten kann. Er spielt mit seinen historischen Quellen, mit Textauszügen aus persönlichen Dokumenten der Familienmitglieder, und tut dies lebhaft, humorvoll und in höchst eleganter Sprache. Zugegeben, man merkt am Stil, dass Leos »Roman einer Familie« von einem geübten Geisteswissenschaftler verfasst ist. In Teilen sind sowohl Sprache als auch Inhalt verschachtelt, gestelzt, akademischer Natur und teilweise schwer verständlich. Seine seitenlangen philosophischen Überlegungen und Passagen sind zweifellos Geschmackssache. Und doch holt er seine LeserInnenschaft – ganz gleich welcher Art – immer wieder ab und erhält ihr Interesse an der Geschichte und seinem Erzählstil aufrecht. 

»Geschichte« sollte man hier mindestens im doppelten Sinne verstehen, denn in der Tat tritt Leo an Vieles in seinem Text aus ideengeschichtlicher Perspektive heran. Er bietet dabei eine analytische Betrachtung der menschlichen Psyche, indem er insbesondere zwei ihm (auf ganz unterschiedliche Weise) nahestehenden Figuren nachzeichnet: Sein Großvater Friedrich Leo ist kein Selbstverwirklicher. Er scheitert im Privatleben sowie im Beruflichen – bis sich ihm die Möglichkeit bietet, bei den Nazis Karriere zu machen: im Rasse- und Siedlungshauptamt. Den Kontrast dazu bildet sein Onkel Martin, anhand dessen Werdegang er gelungen darstellt, wie bei gleicher Sozialisierung zwei völlig unterschiedliche Seelen heranreifen: eine anthroposophisch geprägte, und eine nationalsozialistisch korrumpierte. Dabei schafft Leo es, den üblichen Klischees auszuweichen. Er kratzt nur an der Oberfläche der Kriegsgeschehnisse, doch gerade dadurch gewinnt seine Schilderung etwas erfrischend Neues.

Der Roman kommt in vielerlei Weise ohne die uns bekannte Dramatik aus. Aber wirkt dies wie Verharmlosung oder überzeugt das Werk gerade dadurch? Entscheidet selbst...

Per Leo: Flut und Boden: Roman einer Familie, Klett-Cotta Verlag, 2014. 

von Freya

Dienstag, 24. März 2015

Rezension »Todesangst und Überleben nach extremer Gewalt« von Marlene Pfaffenzeller


»Es gab dann einen kurzen Wortwechsel, dann zogen die Männer plötzlich eine Waffe und erschossen meinen Vater mit sieben Schüssen. Wir Kinder haben alles mit angesehen.« Eloia (Name von M. Pfaffenzeller geändert) aus Kolumbien

Die Neurologin und Psychiaterin Marlene Pfaffenzeller hat in Ihrer Praxis jahrelang traumatisierte Flüchtlinge behandelt. Flüchtlinge und Einwanderer aus der Ost-Türkei waren immer wieder Patienten von Pfaffenzeller, ein Kollege, der lange Jahre in Ruanda gearbeitet hat, lud sie ein und eine familiäre Verbindung brachte sie nach Kolumbien. Kontakt zu den Opfern kam auch über  Menschenrechts-organisationen zustande, die in den entsprechenden Gebieten aktiv sind. 

Pfaffenzeller stellt den Interviews eine kurze Einführung in die historische und gesellschaftliche Situation in den besuchten Gebieten voran. Nach einigen Eingangsfragen zur Geschichte der Opfer, ihrer Kindheit und bereits bestehenden Erkrankungen der Person und deren Familie, berichten die Opfer von ihren jeweiligen Erlebnissen. Die Interviewten aus der Ost-Türkei erzählen vor allem von Übergriffen von staatlicher Seite, in Kolumbien berichten die Opfer sowohl von regulärem Militär, als auch von paramilitärischen Gruppen und kriminellen Banden als Gewalttäter und in Ruanda kommen die Taten der verschiedenen Bürgerkriegsbeteiligten zur Sprache.

Die Lebenswege der Interviewten vor und nach (oder in der weiter andauernden gewaltbelasteten Umgebung) sind sehr unterschiedlich. Egal wie intensiv die Gewalterfahrung war, die die einzelnen Personen erlebt haben und wie sie diese verarbeitet haben, fällt eine Gemeinsamkeit auf: auch wenn sie sich nach ihren Erfahrungen für weitere Gewaltopfer eingesetzen oder versuchen ihre Gesellschaft zu verbessern, ist doch deutlich, dass sie erschüttert waren, was Menschen einander antun können. Es wird außerdem deutlich, dass viele Gewaltopfer Frauen und Mädchen sind, während die Gewalttäter häufig Männer sind. Einige der Opfer wurden durch die Gewalt nicht nur traumatisiert, sondern erfuhren auch anschließend Stigmatisierung und Ausgrenzung durch Familie und Freunde. Dies führt zu einer prekären Lage in Gesellschaften, in der viele von Anfang an erfahren, dass man als Opfer auch noch dafür geächtet wird Opfer zu sein. Es entsteht eine gefährliche Spirale.

Ausführlichere Informationen zu den Situationen in den einzelnen Ländern und der bisherigen Forschung in der Verarbeitung von Traumata, z.B. ob Frauen deutlich mehr unter Gewalt leiden oder ob sie eher bereit sind Hilfe in Anspruch zu nehmen und sich zu ihren Erlebnissen zu äußern, wären eine tolle Ergänzung für die Interviews gewesen.
Trotzdem ist dies ein wichtiges Buch, das für die extremen Erfahrungen und das Leid sensibilisiert, die viele Menschen erleiden mussten. Die Erzählungen sind nicht einfach zu lesen und zu verarbeiten. Es wird deutlich, dass nach einem Krieg, Bürgerkrieg, Terrorattacken oder wie auch immer die Gewalt benannt wird, nicht einfach ein Schlussstrich gezogen werden kann. Dies schafft hoffentlich mehr Verständnis für Flüchtlinge und traumatisierte Bevölkerung in Zeiten der verstärkten Ausgrenzung und weltweit immer neuen Gewaltausbrüchen.

Marlene Pfaffenzeller: Todesangst und Überleben nach extremer Gewalt. Interviews mit traumatisierten Menschen in der Türkei, Südamerika und Ruanda, Kulturmaschinen Verlag Ochsenfurt 2014

von Julia

Freitag, 20. März 2015

Rezension »Titos Brille – Die Geschichte meiner strapaziösen Familie« von Adriana Altaras

Wir freuen uns heute einen Beitrag unserer Gastbloggerin Maren posten zu können. Sie hatte sich bereits in unserer Rubrik Und was liest Du so? vorgestellt und lässt uns jetzt an ihren Eindrücken zu Adriana Altaras teilhaben. 

»Jede Familie hat gleichermaßen viele Geschichten wie Geheimnisse. Die Geschichten muss man sich unentwegt anhören, damit die Geheimnisse im Dunkeln bleiben.«

Nach dem Tod ihrer Eltern erbt Adriana Altaras, geboren 1960 in Zagreb, das Auto ihres Vaters, einige Tausend Euro, die Wohnung ihrer Eltern in Gießen und ein laufendes Restitutions-Verfahren gegen die kroatische Regierung. Vor allem aber erbt sie Geheimnisse, Neurosen und Müll. Ihre Eltern haben alles aufgehoben, 34 Jahre lang. Aber sie findet, neben bis oben hin vollgestopften Schränken auch Dokumente, Bilder und Filme. Sie findet Erinnerungen – skurrile, lustige und traurige.

Ihr Erbe veranlasst sie dazu, in ihrem Roman Titos Brille, die Geschichte ihrer jüdischen Familie aufzuschreiben und ihren Geheimnissen auf den Grund zu gehen. Sie erzählt von ihrer Großmutter Hermine, die zusammen mit ihren zwei Töchtern in von italienischen Besatzern verwalteten Lagern inhaftiert war. Sie erzählt von ihrem Vater Jakob und ihrer Mutter Thea, die bei den kommunistischen Partisanen im ehemaligen Jugoslawien für Marschall Tito gekämpft haben und später, enttäuscht und verraten von der eigenen Partei, fliehen mussten. Sie erzählt von ihrer Tante Jelka, von der sie 1964 nach Italien geschmuggelt wurde, von Onkel Miko, der an der Klagemauer Saft an Touristen verkauft hat, von der Bar-Mizwa ihres Sohnes, von ihrem deutschen Ehemann, von Heimweh und Herkunft und von ihren Dibbuks, den Geistern der Verstorbenen.

Der Buchtitel erklärt sich aus einem der vielen Familiengeheimnisse. Jakob Altaras war ein Held. Vor einem wichtigen Kampf der Partisanen hat er Titos Brille repariert und sie haben den Kampf gewonnen. Es stellte sich heraus – Tito trug überhaupt keine Brille. Es gibt einige solcher Heldengeschichten über ihren Vater, aber welche davon wahr und welche falsch sind, wird Adriana Altaras wohl nie erfahren. Sie trägt es mit Fassung: »Se non è vero, ben trovato! – falls es nicht wahr ist, ist es doch gut erfunden!«

Der Roman ist geprägt vom temperamentvollen Charakter der Autorin und erzählt neben der bewegenden Familienchronik auch etwas über das heutige jüdische Leben in Berlin, über jüdische Bräuche, Regeln und Abläufe, mit denen die Autorin in einigen Punkten selbst hadert. Es sind sowohl humorvolle als auch traurige, aber vor allem ehrliche Geschichten die Adriana Altaras in Titos Brille zusammengetragen hat. Sie erzählt mit Leidenschaft, Selbstironie und viel jüdischem Witz (im wahrsten Sinne des Wortes, da einige jüdische Witze zum Besten gegeben werden).

Ebenso unterhaltsam wie das Buch ist der gleichnamige Film, in dem die Autorin den Zuschauer mit auf eine Reise zu den Orten ihrer Vergangenheit nimmt. Mit dem 26 Jahre alten Mercedes ihres Vaters fährt sie von Berlin nach Gießen, an den Gardasee zu ihrer Tante, nach Split, den Geburtsort ihres Vaters und schließlich nach Zagreb. Der dokumentarische Stil in dem der Film gedreht wurde und die immer wieder eingeschobenen Ausschnitte aus alten Super 8 Filmen, geben dem Film eine besondere Authentizität. Ein lohnenswerter und schöner Film.

Buch und Film machen direkt Lust auf Adriana Altaras zweites Buch Doitscha – Eine jüdische Mutter packt aus. Man will mehr lesen über diese jüdisch-deutsche Familie.

Adriana Altaras: Titos Brille. Die Geschichte meiner strapaziösen Familie, Fischer Taschenbuch Frankfurt am Main, 2012

von Maren

Dienstag, 17. März 2015

»Und wie seht ihr das?« - »Die Frau des Arbeiters« von Minna Canth, Teil II

In unserer Rubrik »Und wie seht ihr das?« wollen wir euch unsere Literaturclub-Treffen näher bringen: In Interviewform werden wir euch Fragen und Meinungen präsentieren, die wir so in geselliger Runde an- und ausdiskutiert haben und so gleichzeitig auch die Werke besprechen, die wir lesen.

Wie fandet Ihr das Ende?

Leonie Wenig überraschend und etwas vorhersehbar. Ein Pluspunkt war für mich, dass es sich um ein Ende handelt welches, meiner Meinung nach, die Leserin etwas entrüstet zurücklässt, anstatt die entstandenen Spannungen bezüglich der Beziehungen zwischen Frauen und Männern im Stück durch die Figuren aufzulösen. Eine solche Methode würde ich als durchaus ‚engagiert‘ bezeichnen, schafft sie es doch die Leserin zumindest zum Nachdenken über die Thematik anzuregen. Viele Zeitgenossinnen konnten sich sicher mit der Frau des Arbeiters und ihrer Unfähigkeit sich aus ihrer Situation zu befreien identifizieren.  

Anne-Kathrin Leider ganz und gar zur Tragödie passend…

Lisa Das Ende hat mir – im Gegensatz zum Rest des Buches – nicht gut gefallen. Der Tod der Protagonistin erschien mir als zu romantisch und, messen wir es an naturalistischen/realistischen Maßstäben, ein Bruch mit dem Genre. Das Elend des Lebens, die Gewalt der ökonomischen Abhängigkeit und Ausweglosigkeit innerhalb der finnischen Gesellschaft, die zuvor realistisch und erdrückend beschrieben wurden, wird durch den Tod der Protagonistin aufgebrochen: Wie durch göttliche Gnade erlöst er die »Frau des Arbeiters« von den irdenen Qualen – sie stirbt nicht (nur?) an Hunger, Kälte oder körperlicher Gewalt, sondern vor Gram an und über die Gesellschaft und Lebensbedingungen. Der harten Linie des Realismus ist somit gegen Ende eine, vor dem Schlimmsten bewahrende Kraft entgegengesetzt: der Tod. Allerdings, und das verleiht dem Abschluss des Dramas gesellschaftliches Gewicht, wird der Sohn nun von der Arbeiterin erzogen – der Tod der Mutter hat ihm damit einen Ausweg aus der Misere geboten. Ihm eröffnet sich dadurch zumindest die hoffnungsvolle Option, ein besserer (?) selbstbestimmter Bürger/Mensch/Mann(?) zu werden und damit die Zukunft seines Landes mitzugestalten.

Jessica Tja, ohne zu viel zu verraten würde ich sagen, ich hätte mir zwar ein anderes Ende gewünscht, aber in der Logik des Stückes macht es absolut Sinn.

Julia Schon kurz nach Beginn hatte ich die ‚Befürchtung‘, dass ein solches Ende kommen würde und es passt zum Anspruch von Canth etwas verändern zu wollen. Dies funktioniert häufig nur mit den entsprechenden Verläufen der Figuren.  

Sigrid Das Ende ist zum Glück offen und bietet kein Happy End und keine Erkenntnis seitens des Mannes im Bezug auf die dargestellte Ungerechtigkeit. Denn so entlässt das Drama ihre Leserin und hoffentlich auch ihre Leser mit der Erkenntnis von Unrecht und Diskriminierung. Wir waren uns in der Diskussion hinterher unklar, ob das Drama auch um 1885 in Finnland genauso kritisch rezipiert werden konnte oder ob sich Männer beispielsweise im Recht gesehen haben und Frauen Johanna selbst die Schuld an ihrer Situation gegeben haben könnten.

Würdet Ihr das Buch weiterempfehlen, warum (nicht)?

Anne-Kathrin Wer mal auf ganz wenigen Seiten lesen möchte, auf wie viele unterschiedliche Weisen Frauen mitten im Herzen einer Gesellschaft unterdrückt, erpresst und erniedrigt werden können – und das Ganze dann nicht nur historisch zu lesen ist –, der sollte mit Minna Canths Drama anfangen. Und auch im Hinblick auf eine sozialistische Perspektive ist das Drama auf jeden Fall die Lesezeit wert.

Jessica Ich habe das Stück schon weiterempfohlen! Auch an einen Lesekreis, da ich finde, dass man es sehr schön besprechen kann. Außerdem war die Autorin für uns ja eine Entdeckung, und ich fände es schön, wenn auch andere sie für sich entdecken würden! Es lohnt sich.

Julia Es ist auf jeden Fall empfehlenswert. Einmal aufgrund seiner Darstellung der historischen Gegebenheiten, zum anderen sollte Minna Canth aufgrund ihrer enormen Leistungen auch außerhalb Finnlands viel bekannter werden.

Leonie Ja. Die Direktheit des Stücks macht es auch für mich als jemanden, der eigentlich weniger gern Dramen liest, leicht zugänglich. Als Muss erscheint mir allerdings ein Interesse an der Genderthematik, sonst kann man der Darstellung wahrscheinlich eher wenig abgewinnen.   

Lisa Ich würde das Drama weiterempfehlen, da es, meiner Meinung nach ein sehr kurzweiliger Text ist, der zugleich wichtige gesellschaftliche Thematiken bespricht. Die Schilderung des Werdegangs der »Frau des Arbeiters«, der unweigerlich in einer Tragödie enden musste, lässt den Leser mitleiden und wütend über die gesellschaftlichen Plagen, also den Alkohol und die (verrohten) Männer schimpfen. Es ist ein Text, der es schafft die Leser mitzureißen und ihnen darüber eine Zeit und ein Land näher zu bringen, die den meisten fremd und unvorstellbar erscheint.

Sigrid Ich würde es schon alleine deshalb weiterempfehlen, weil Minna Canth meines Erachtens zu Unrecht so unbekannt ist. Finnland war das erste europäische Land, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts das uneingeschränkte Wahlrecht für Frauen eingeführt hat und Ende des 19. Jahrhunderts wurde bereits das kritisierte Ehegüterrecht abgeschafft und die Gütertrennung eingeführt. Zudem schafft es Canth auf diesen 82 Seiten nicht nur die Geschlechterrollen und die Rechtsprechung zu kritisieren. Sie schlägt den Bogen auch von der Klassengesellschaft, der Situation der Arbeiter über die Religion, den Kapitalismus bis hin zu Intoleranz und Rassismus. Auf jeden Fall lesenswert - im besten Fall mehrmals damit man auch alle Anspielungen findet. ;-)