Samstag, 18. Oktober 2014

Bücherflohmarkt für den guten Zweck

Die Gießener Initiative Gefangenes Wort e.V. organisiert wieder einen Bücherflohmarkt. Der Erlös des Bücherverkaufs kommt in diesem Jahr AutorInnen in Äthiopien und Kamerun zugute, die dort inhaftiert sind.

Gut erhaltene gebrauchte Bücher könnt ihr an den folgenden Tagen jeweils von 09 - 16 Uhr auf dem Bücherflohmarkt hier kaufen: 

* am Samstag, den 15. November im KiZ (Südanlage 3a, Gießen)
* am Dienstag, 18. November und am Mittwoch, 19. November, an der Justus-Liebig-Universität (Philosophikum I, Otto-Behaghel-Str. 10A, Gießen)

Wenn ihr für diese wichtige Aktion Bücher spenden möchtet, könnt ihr sie heute und am Samstag, den 01. November, jeweils zwischen 10 - 16 Uhr, im KiZ abgeben.

Mehr Infos zur Bücherspende und zum Verein findet ihr auf der Seite von Gefangenes Wort.

Von Anne-Kathrin

Dienstag, 14. Oktober 2014

Unser neues Leseland: Finnland

Nachdem wir unser altes Leseland Island mit der Lektüre von Halldór Laxness' Atomstation abgeschlossen und hier auf dem Blog von unseren Eindrücken dazu berichtet haben, geht es nun weiter östlich von Island, und zwar: nach Finnland!


Zugegeben, groß dürfte eure Überraschung wahrscheinlich nicht sein, ist doch finnische Literatur im Moment dank der Frankfurter Buchmesse in aller Munde. 

Star auf der Messe war die finnisch-estnische Schriftstellerin Sofi Oksanen. Ihre Romane Stalins Kühle und Als die Tauben verschwanden haben Anne-Kathrin und Hanna hier auf dem Blog bereits mit viel Begeisterung besprochen.

»Finnlands dunkle Königin«, wie die ZEIT Oksanen in ihrer Sonderbeilage zur Buchmesse betitelte, steht auch bei uns auf der Liste derjenigen finnischen AutorInnen, deren Werke wir im Rahmen unseres Literaturclubs in Gießen lesen wollen - auch wenn Oksanens doch recht düstere Schreibe nicht allen zusagt. Ihr Fegefeuer wird wohl das zweite oder dritte Werk werden, dem wir uns im Rahmen unserer literarischen Exkursion nach Finnland widmen wollen. Und zwischendrin wollen wir auch einen kleinen Einblick in die finnische Nationalsaga Kalevala werfen.

Zunächst soll es aber etwas leichteres bzw. humorvolleres sein, und so entschieden wir uns mit der Mehrheit der Stimmen (ja, bei uns geht es einigermaßen demokratisch zu ;-)) für Kjell Westös Vom Risiko, ein Skrake zu sein

Wie wir dieses Buch finden, wie engagiert es ist, welche Themen besonders zum Diskutieren anregen, und was überhaupt ein »Skrake« ist, könnt ihr in einigen Monaten hier nachlesen. 

Habt ihr denn schon finnische Literatur gelesen?

Von Anne-Kathrin

Donnerstag, 9. Oktober 2014

Rückblick: unsere Themen im September

Wir werfen jeden Monat einen Rückblick auf unsere Posts - und möchten euch so die Orientierung und das Nachlesen unserer Beiträge erleichtern!



Angefangen hat unser Blog-September mit Vladimir Kaminer, der am 27.8.2014 bei uns in Gießen zu einer Lesung erschien und Anne und Freya herzlich zum Lachen, aber auch zum Nachdenken brachte.

Im Anschluss daran hat Anne mit ihrer Rezension zu Sarah Schills Anständig Leben für weiteren Grübelstoff gesorgt. Wie kann man umweltbewusster leben, was heißt das überhaupt und was tut man sich selbst dabei Gutes? 

Julia, Sigrid und Freya waren währenddessen mal wieder im Pflegeheim in Heuchelheim zu Besuch, wo sich mehr als nur ein paar alte Damen über eine nette Vorleserunde freuten. Den Bericht dazu findet ihr hier

Auch war es uns ein Bedürfnis, diesen Monat über Straßenzeitungen zu berichten - eine besonders engagierte, aber leider ebenso stigmatisierte Form des Schreibens.

Passend zum Land der diesjährigen Frankfurter Buchmesse haben wir auch Kunkuu von Tuomas Kyrö für euch rezensiert - ein aberwitziger Roman, der Hanna ein wenig von den Socken gehauen hat. 

Freya hat uns offenbart, dass sie beim Lesen oft einschläft, und erstmals ihren SUB vorgestellt. 

Schlußendlich haben wir dann noch zwei Geburtstage zelebriert, zunächst unseren eigenen - wir sind nämlich 4 geworden - und am Ende des Monats das Jubiläum von Louisa May Alcotts Erstpublikation des Romans Little Women

Eigentlich waren wir also ganz schön fleißig. Und natürlich hoffen wir, dass ihr auch fleißig mitgelesen habt.

von Freya

Montag, 6. Oktober 2014

»Und wie seht ihr das?« - »Atomstation« von Halldór Laxness

In unserer Rubrik »Und wie seht ihr das?« wollen wir euch unsere Literaturclub-Treffen näher bringen: In Interviewform werden wir euch Fragen und Meinungen präsentieren, die wir so in geselliger Runde an- und ausdiskutiert haben und so gleichzeitig auch die Werke besprechen, die wir lesen.


Was waren Eure ersten Eindrücke von Halldór Laxness‘ »Atomstation«  (1948)?

Anne-Kathrin: Ich fand das Buch von der ersten Seite an: spannend, irritierend, abgefahren, historisch, amüsant, krass.

Freya: Der Roman hat ziemlich schnell mein Interesse geweckt. Das lag vor allem an seiner Direktheit, Klarheit und dem trockenen Humor.

Was hat euch am besten gefallen/ am meisten gestört?

Anne-Kathrin: Am besten gefallen hat mir a) die Komponente des Kalten Krieges, zu der ich in deiner nächsten Frage mehr sage. Und b) fand ich den subtil-ironischen, zuweilen ziemlich schwarzen Humor des Autors sehr ansprechend – er erinnerte mich stellenweise an Joanna Bators Sandberg. Gestört, wenn man es so nennen möchte, hat mich nur mein Unwissen in Bezug auf die isländische (Literatur-) Geschichte. Etwas mehr Hintergrundwissen zu den isländischen Sagas sowie zur isländischen Politik Ende der 1940er Jahre hätten mir gut getan. Aber das konnte ich ja zum Glück noch nachholen :-)
 
Freya: Gestört hat mich eigentlich gar nichts, allerdings waren einige der surrealen Elemente etwas verwirrend für mein nicht-isländisch geprägtes Leserherz. Die Hauptfigur Ugla war für mich definitiv der größte Pluspunkt des Romans: Sie wirkte sehr echt und war sehr viel interessanter und selbstbestimmter als die (Frauen-) Figuren der anderen Romane. Vielleicht auch besonders deshalb, weil sie mich an jemand besonderes erinnert.

Wie präsent ist die Bedrohung des Kalten Krieges im Roman?

Anne-Kathrin: Für mich ist der Kalte Krieg auf jeder Romanseite spürbar. Die Angst der IsländerInnen, ihr Land werde an eine der beiden Großmächte verkauft und/oder diene als Depot für Atomwaffen, ist in Laxness‘ Roman stets präsent. Und auch eine Art apokalyptische Atmosphäre durchzieht das Werk, die zu jener Zeit nicht nur in Island zu spüren war. »Die Barbarei steht vor der Tür. […] Es gibt das feste Land und das Meer, die zwischen Ost und West aufgeteilt sind; und die Atombombe. […] Die Welt ist eine einzige Atomstation«, sagt der Vater der Hauptfigur Ugla. Der drohende Atomkrieg dient dem Vater aber auch als Argumentation für das, was Island als Nation ausmache – dem Überleben mit knappsten Ressourcen: »Hier wird man sogar von Kuh und Schaf leben, liebes Kind, wenn Paris, London und Rom nur mehr unbedeutende, moosbewachsene Steinhaufen sind.«

Freya: Ich denke, das kommt ein wenig auf die Perspektive an. Nachdem ich den Roman gelesen hatte, musste ich zunächst alles mögliche über Island in dieser Zeit nachlesen, um die ganzen Anspielungen zu verstehen. Für jemanden, der sich mit der Materie gut auskennt, kristallisiert sich das Historische vermutlich mehr heraus; für mich war der Roman nicht immer sofort einsichtig.

Welche Haltung nimmt eurer Meinung nach der Roman gegenüber dem Zeitgeschehen ein (kritisch, ironisch-distanziert?)?

Anne-Kathrin: Geht auch ironisch-engagiert? Ja, doch, genauso lese ich Atomstation.
Freya: Kritisch vor allem dem Westen gegenüber, aber der Roman ist gleichzeitig sehr nüchtern in seiner Darstellung.

Wie kann man das Zitat aus dem Roman »Die Welt ist eine Atomstation« verstehen?

Anne-Kathrin: Ich verstehe das Zitat eben als Ausdruck der atmosphärischen Grundhaltung jener Tage. Der Kalte Krieg war allumfassend und hat alle Teile der Welt in Atem gehalten. Atomwaffentests, Ideologie, Angst vor Denunziation als »Systemfeind«, Konformismus, Verfolgung – das waren die realen Auswirkungen der Konfrontation der beiden Supermächte USA und Sowjetunion. Dass aus dem kalten sehr schnell auch ein heißer Krieg hätte werden können, in dem Kernwaffen im Domino-Effekt viele Millionen Menschenleben vernichtet hätten, das war 1948 durchaus ein plausibles Zukunftsszenario, das Laxness meiner Ansicht nach mit dem Zitat sehr deutlich beschreibt.

Freya: Dazu fällt mir viel zu viel ein, aber in erster Linie würde ich sagen, der Satz spricht ein immerwährendes Problem an: die internationalen Spannungen, die immer wieder zu explosiven Mischungen führen und unsere Welt so unstet machen.

Ist der Roman eurer Meinung nach engagiert?

Anne-Kathrin: Oh ja! Genau deswegen – weil Atomstation auf vielschichte Weise die Atmosphäre einer Epoche einfängt. Und noch einen Aspekt finde ich sehr engagiert: Ugla, die weibliche Hauptfigur in dem Roman, geht sehr stark durch ihr Leben. Trotz diverser Hindernisse (unter anderem eine nicht geplante Schwangerschaft und ohne den Vater des Kindes) modelliert sie ihr Leben so, wie sie es möchte – als unabhängige Frau.

Freya:Für mich persönlich muss ich diese Frage schon deswegen bejahen, weil er mein Interesse für isländische Geschichte geweckt hat. Aber die Frage der Unabhängigkeit und die Gegenüberstellung der politischen Konflikte und isländischen Traditionen sind sicher auch immer wieder auf andere Situationen übertragbar.
Halldór Laxness: Atomstation. Steidl Göttingen; Auflage: 2., Aufl. (Januar 2007)

Sonntag, 5. Oktober 2014

Welttierschutztag

Gestern, am 4. Oktober, war Welttierschutztag.

Auch in der Literatur- und Filmwelt sind Tiere ein populäres Thema, dem sich mittlerweile auch Universitäten mit Fächern wie Animal Studies widmen. 

Daher haben wir heute eine Liste für Euch zusammengestellt, in denen unsere haarigen Freunde die Helden spielen


  • Black Beauty: Anna Sewells Klassiker hatte einen beeindruckenden Effekt auf seine Leser. Im Anschluss an seine Veröffentlichung (1877) schaffte es der Roman bald, die tierquälerische Behandlung von Pferden zu revolutionieren. Ein teils trauriges, aber auch schönes und bedeutendes Werk! 
  • Unten am Fluss: Richard Adams hat 1972 sein erfolgreichstes Werk geschrieben. Mit einer Auflage von ca. 50 Millionen ist das - nicht ganz unblutige - Kaninchenabenteuer bis heute populär. Es als Gesellschaftssatire zu bezeichnen, macht den mittlerweile 94jährigen Adams aber stets unglücklich. 
  • Foto: Roland Büchter
  • Man O' War: Walter Farley kennt man hierzulande wohl eher als den Autor von "Blitz, der schwarze Hengst", laut New York Times das bekannteste Pferd der Literatur. In Man O' War hingegen erzählt er die Geschichte eines der wohl bekanntesten und erfolgsreichsten Rennpferde aller Zeiten.
  • Als die Tiere den Wald verließen: vielleicht erinnert sich der eine oder andere noch an die Fernsehserie, die Anfang der 90er ausgestrahlt wurde. Colin Danns Buch (1979) ist es wert gelesen zu werden, denn es ruft uns immer wieder ins Gedächtnis, was wir Menschen mit der Natur anstellen
  • White Fang: Jack London landete mit Ruf der Wildnis einen weltweiten Erfolg. White Fang folgte 1906 und stellt die Freundschaft zwischen Mensch und Wolf dar. Brutal und aus der Sicht des "Titelhelds" erzählt, ist das Buch eindrucksvoll, aber nicht immer leicht zu verdauen. 
  • Balto: kein Roman, sondern ein Animationsfilm, der 1995 sein Publikum begeisterte. Balto und sein Schlittenteam retteten 1925 zahlreiche Kinder vor dem Tod durch Diphterie. Eine Statue zu Ehren des Huskies steht im Central Park.

von Freya

Dienstag, 30. September 2014

Zum Geburtstag eines kleinen Meisterwerks: Louisa May Alcott's »Little Women«

Heute vor knapp 150 Jahren veröffentlichte Lousia May Alcott ihr erfolgreichstes Werk: Little Women (1868). Im Deutschen bekannt als Betty und ihre Schwestern gerät es hierzulande, so scheint mir, immer ein wenig in Vergessenheit.

Dabei ist Alcotts Roman charmant, atmosphärisch, gefüllt mit großartigen Charakteren und gewissermaßen zeitlos. Auch zeigt sich hier, dass LeserInnen nicht nur im Internetzeitalter verstärkt Einfluss auf das kreative Schaffen von Schreiberlingen haben: Beim zweiten Teil (damals unter dem Titel Good Wives vermarktet, später mit Little Women in ein zweiteiliges Buch verschmolzen) orientierte sich Alcott nicht allein an ihren eigenen Vorstellungen, sondern auch an den Wünschen ihrer Fans.

Und doch blieb sie sich treu. Denn ihre Charaktere kann man durchaus unkonventionell und feministisch nennen. Ohne zu viel zu verraten: Vor allem was ihre Hauptfigur angeht, hält sich Alcott nicht strikt an die (Liebes-) Romankonventionen ihrer Zeit. Denn obwohl sie sich dazu bewegen ließ, Little Women in eine Liebesgeschichte münden zu lassen, zeichnen sich die Figuren gleichermaßen durch andere Lebensbereiche und -entscheidungen aus: die Beziehungen zwischen den Schwestern, Familie, Selbstverwirklichung, Freundschaften und Nächstenliebe.

Ein toller Roman für die düstere Jahreshälfte
(Foto: Roland Büchter)
Im Zentrum der Geschichte steht Josephine March, die zweitälteste Schwester von vieren, die ihren eigenen, klugen Kopf hat, ihrer Zeit voraus ist und, wie die meisten inspirierenden Romanheldinnen, ein gutherziger Wildfang ist. Meg ist als älteste ernster, braver, identifiziert sich mit der konventionellen Frauenrolle der Zeit, weiß aber auch genau, was sie will. Während Beth sich durch Schüchternheit und Sanftmütigkeit auszeichnet, sieht sich Amy, das Küken, auch mit zwölf schon als richtige Lady und übt sich in Eitelkeit. Sie ist aber auch eine strebsame Künstlerin, während Jo und Beth schriftstellerisches und  musikalisches Talent beweisen.



Alcotts Roman stellt eine Ausnahme dar im 19. Jhd., wo Literatur für heranwachsende Mädchen noch rar war. Alcotts Schreibstil und ihre Geschichte (sie basiert durchaus auf ihrer eigenen Familie) sind sehr warm und herzlich, aber auch sehr authentisch und menschlich. Vor dem Hintergrund des amerikanischen Bürgerkriegs, in dem Vater Robert March als Kaplan in der Union Army dient, erfüllt auch “Marmee” eine Vorbildfunktion, sowohl was ihren eigenen Charakter, ihre Handlungen und Überzeugungen angeht, als auch die Art und Weise, wie sie jede ihrer Töchter ermutigt, sie selbst zu sein und ihre individuellen Persönlichkeiten stärkt.

Nicht jede Geschichte in Little Women geht so aus, wie der Leser es zunächst erwarten mag, und das ist gut so. Auch die männlichen Figuren können, jeder auf seine Weise, die LeserInnen für sich gewinnen. Hier hat Alcott beispielsweise Jane Austen eine Menge voraus, die es nie ganz verstand, ihre Männer zu "dynamisieren". Wem Austen (wie übrigens auch einigen unserer LitClub-Mitgliedern) zu trocken, leblos und nüchtern ist, wird von Betty und ihre Schwestern positiv überrascht sein.

Little Women ist ein engagiertes Buch, das man auch fast 150 Jahre nach seiner Erstpublikation am besten in der Herbst- oder Weihnachtszeit liest, wenn man ohnehin gerne nostalgisch wird, eingewickelt in eine kuscheligen Decke und mit einer Tasse Kakao in der Hand. 

Tipp: Ich bin oft kein Fan von Literaturverfilmungen und vor allem bei Hollywood-Produktionen sehr kritisch, die Verfilmung von Little Women (1994) jedoch schau ich mir immer wieder gerne an!

von Freya 

Freitag, 26. September 2014

Freyas SUB im September

Ich gebe es zu – mein SUB baut sich meist sehr viel schneller auf als ab. Das liegt zum einen daran, dass ich eine furchtbar wählerische Leserin bin und mich selten ein Buch so richtig in seinen Bann zieht. Zum anderen fällt es mir manchmal schwer, zusätzlich zum beruflichen Lesepensum auch noch in meiner Freizeit zu lesen. Außerdem lese ich am liebsten abends im Bett. Das bedeutet, dass ich oft nicht so weit komme, wie ich es gerne würde, bevor ich mit dem Buch in der Hand einschlafe! 

SAB (Stapel angelesener Bücher):  

Zuletzt eingeschlafen bin ich beim ersten Kapitel von 

  • The Luminaries (Eleanor Catton) – ein über 800 Seiten langer Schinken mit kriminalistischen Elementen über den Goldrausch im Neuseeland des 19. Jahrhunderts. Bisher noch nicht ins Deutsche übersetzt, hat es 2013 den Man Booker Prize mit nach Hause genommen. 
  • The Campus Trilogy (David Lodge) – ein Geschenk meiner Mutter, die beim Lesen herzlich lachen musste. Noch fehlt mir der Zugang, aber ich bin ja auch hier wieder eingeschlafen. 

Foto: Roland Büchter

SUB (Stapel ungelesener Bücher): 
  • The 900 Days: The Siege of Leningrad (Harrison Salisbury) – wieder so ein Schinken. Die über 1000 Seiten gedenke ich bereits seit ein paar Jahren zu lesen, und ich habe mir fest vorgenommen, es noch dieses Jahr zu schaffen!
  • Four Freedoms (John Crowley) – mal was anderes: ein Roman über die Rolle von behinderten Menschen im zweiten Weltkrieg
  • The Color Purple (Alice Walker) – ein Buch von dem ich glaube, dass man es gelesen haben muss. Ob ich recht habe, muss ich natürlich noch herausfinden.
Ich gehöre zu den Menschen, die auch gerne Kinderliteratur lesen. – Ja, auch Bilderbücher! Und deswegen liegen auf meinem Stapel auch: 

  • The Dark (Lemony Snicket) – der deutsche Titel ist “Dunkel”. Ich liebe aber die typische Snicket-Manier, die in ihrer humoristischen Originalität oft nicht gut übersetzt werden kann, und lese Englisches grundsätzlich im Original. 
  • The Adventures of Tom Sawyer/ The Adventures of Huckleberry Finn (Mark Twain) – als Kind habe ich die tolle deutsch-kanadische Fernsehserie rauf und runter geschaut, aber beschämenderweise die Bücher nie angerührt. Das soll sich nun ändern. 
von Freya 

Montag, 22. September 2014

Rezension: »Kunkku« von Tuomas Kyrö

Ich bin ein Freund großer Brüste. Das hat mir ein bisschen Ärger eingebracht: Rausschmiss und Scheidung.“ – Ich bin ganz ehrlich, ab diesem Moment hatte der finnische Autor mich für seinen 600 Seiten schweren Roman gewonnen

Die Worte stammen von Kunkku bzw. Kalle XIV. Penttinen, dem letzten König Finnlands, dessen Leben mit den geschichtlichen Ereignissen verwoben ist. Unter der Aufsicht des Hofmarschall wird alles für das Königskind erledigt. Auch Kunkku muss bestimmte Erwartungen erfüllen, doch der sensible Thronfolger will lieber Tennis spielen, später „Verrari“ fahren und Frauen kennen lernen. Chaos ist die Folge. 

Alltagsgegenwart versus Königskind 

Kyrö schafft ein aberwitziges Potpourri aus umgeschriebenen Ereignissen des 20. Jahrhunderts. Nicht Schweden, Finnland ist das neutrale und politisch stabile Land des Nordens, das dem inhaftierten Mao Tse-tung den Königlich Finnischen Friedenspreis verleiht. Und wenn Opfer des Holocaust täglich dem auf der Mauer des Spandauer Gefängnisses stehenden Hitler Trauerreden vorlesen, kann von politischer Korrektheit keine Rede sein. Das finnische Möbelkonzept von EKIA sowie das Olympiabuch von Sir Orwell mit dem Arbeitstitel 1994 sind nur Beispiele der vielen gegenwärtigen Phänomene und popkulturellen Intertextualität, mit denen der Roman spielt. 

Spannend wird der Roman durch seine abwechsenden Erzählstränge – Kunkkus Heranwachsen und die Gegenwart. Letztere ereignet sich ein Jahr nach dem von Kunkuu verschuldeten Zusammenbruch der Monarchie. Inzwischen fast sechzigjährig arbeitet Sozialhilfeempfänger Pena, wie Kunkku sich nunmehr nennt, als Lagerarbeiter im Elektrohandel. Seine Frau ist abgehauen, sein Sohn sitzt im Knast und die depressive Tochter isst den ganzen Tag nur Paprikachips.

Hightlight: Hauptfigur 

Traurig über den Lauf der Dinge sieht Pena sich in der Verantwortung und ist entschlossen, die Dinge anzugehen. Glücklicherweise lernt er die handfeste, gläubige Helen kennen, „Penas Helferin in weltlichen Angelegenheiten“. Denn der ehemalige König hat nie selbständig sein müssen. Sie lehrt ihm, wie eine Bibliothek funktioniert, wie man seinen Liebsten eine Mahlzeit zubereitet und schwierigere Probleme angeht. 

Pena-Kunkku ist das Highlight dieses Romans: voller Fehler, aber herzensgut. Unüberlegt, intuitiv und kindisch – ein Hedonist sondergleichen –, gleichzeitig gefühlvoll, empathisch und völlig uninteressiert am Machtgerangel der Erwachsenenwelt. Und obwohl seine Verführbarkeit durchgehend Schmunzeln bewirkt, ist Pena auch ein tragischer Charakter. Für seine Familie will er nur Gutes, doch bekommt er nichts auf die Reihe, weil er so wenig vom Alltagsleben und den gesellschaftlichen Strukturen versteht.

Doch eines versteht Pena: Dass er nun glücklich ist. Weil er frei und nicht mehr allein ist. Wenn er sagt, dass „alle Tage schon allein deshalb schön sind, weil man am Leben sein darf“, wird deutlich, was ihn bewegt. Er weiß die kleinen Dinge des Lebens zu schätzen. Der Höhepunkt seiner Alltagsfaszination findet sich im vom Sozialamt überreichten „besten roten Jogginganzug der Welt“

Humor und Wahrheit, Satire und Menschlichkeit 

Durch Penas Entwicklung bekommt diese Satire eine tiefere Bedeutung. Inmitten der skurrilen Geschichte finden sich Gedanken über den Umgang mit anderen Menschen und den persönlichen Weg zum Glück. Ironisch, doch überraschend ernsthaft, werden diese Lebensweisheiten einzelnen Figuren in den Mund gelegt. So erkennt Kunkkus Amme, dass man sein Glück „nicht zu weit weg und zu umständlich suchen“ dürfe, und Pena lernt von Helena, dass das Leben „glücklich und traurig zugleich“ sei. 

Manchmal hält die Erzählung inne. So denkt Pena darüber nach, warum es so wichtig ist, als Kind auf den Schoss genommen zu werden. Vielleicht sind diese menschlichen Momente gerade deshalb so bewegend, weil sie im Kontext der Satire stehen, zu der die Erzählung stets schnell zurückkehrt. 

Dieser Roman ist ein Geschenk für die Seele. Er bringt dich zum Lachen und lehrt zwei wesentliche Dinge: Sei glücklich! Die Wahrheit wird dich weiter bringen! Oder um es mit den Worten JFKs zu sagen: „Höre auf Dein Herz. Der Ort des Herzens wechselt allerdings. Manchmal sitzt es im Gehirn. Manchmal in der Seele. Dann wieder im Hodensack. Oft im Bauch. Gib deinem Herzen Nahrung, gib ihm Hamburger.“ 

von Hanna

Freitag, 19. September 2014

Straßenlektüren: Engagement mit Stigma

Schnurr-stracks zum Businesspartner 

Katzen: sehen das Wesentliche
(Foto: Roland Büchter)
Mein Mann ist ein großer Katzenfan. Und neben den Bergen anspruchsvoller Literatur, die unsere Wohnung zum überquillen bringen, liest er auch gerne mal Unterhaltungsromane über Katzen. Ich schenkte ihm also zu Weihnachten A Street Cat Named Bob (deutsch: Bob der Streuer) von James Bowen - was ich eher zufällig entdeckte - ohne zu wissen, was es damit genau auf sich hatte.

Bowen ist ein ehemaliger Drogenabhängiger und Obdachloser aus London. Seit Jahren verdient er sein täglich Brot mit Gitarrespielen in Covent Garden. Als er den Entschluss gefasst hatte, nach zehn Jahren der Verzweiflung sein Leben zurechtzurücken, lief ihm ein kranker rotfelliger Kater zu. Nachdem Bowen ihn gesund gepflegt hatte, wich dieser nicht mehr von seiner Seite. Er folgte James überall hin, leistete ihm beim Musikmachen Gesellschaft. In seinem Buch hält der Katzenbesitzer fest, wie er durch Bob wieder Hoffnung schöpfte, sich ein neues Leben aufbaute und mit seinem Fellknäuel zu einer internationalen Berühmtheit wurde.

Big Issue-Stadt: Edinburgh
(Foto: Roland Büchter)

Street News are a Big Issue!

Wie viele Obdachlose oder Arbeitslose beschloss Bowen, ins Straßenzeitungsverkaufsgeschäft einzusteigen. Die Idee zur Straßenzeitung kam in den 1980ern in New York auf (Street News), um eine Alternative zum Betteln zu bieten. Die erfolgsreichste und erste Straßenzeitung Englands, die auch Bowen verkaufte, nennt sich The Big Issue (TBI). Auch in Deutschland gibt es über 40 Magazine, die sich oft an ihrem Beispiel orientieren. Doch jeder von uns hat schon dankend abgelehnt oder Verkäufer gänzlich ignoriert, wenn sie versuchten, einen Verkauf zu landen. 
 
Aber wieso eigentlich?

Viele Straßenzeitungen (z.B. Biss, München, Hinz&Kunzt, Hamburg, fifty-fifty, Düsseldorf) werden wie TBI von ausgebildeten Journalisten geschrieben und behandeln diverse kulturelle und politische Themen. Einige gestalten Themenhefte (z.B. trott-war, Stuttgart, strassenfeger, Berlin), andere mischen Lokalnews mit Weltgeschehen (draussen, Münster).

Doch Straßenzeitungen kämpfen immer noch mit Stigmatisierung. Viele denken, dass sie sich ausschließlich mit Obdachlosigkeit beschäftigen, andere, dass die Tätigkeit der Verkäufer nicht ehrenwert ist. Was aber Bowen mit seinem Buch gelang, ist, Verständnis zu schaffen: Dafür, dass Straßenzeitungen wichtige Funktionen haben, dass sie interessant sein können, und vor allem, dass sie mit richtigen Jobs verbunden sind. Denn die Zeitungshändler selbst müssen die Magazine erwerben bevor sie sie zu einem festgelegten Preis an einem festgelegten Ort verkaufen dürfen. Selbstständige also, die vom Ertrag ihres Erfolgs leben.

Straßenzeitungen als vielseitige Projekte

Am Rande der Gesellschaft:
Straßenzeitungsverkäufer
(Foto: Roland Büchter)
Straßenmagazine sind engagiert: sie schaffen sozialversicherungspflichtige ArbeitsplätzeBiss hat mittlerweile ein paar Duzent Festangestellte –, rufen Bücherspender-Cafés ins Leben (Hinz und Kunzt), holen Menschen von der Straße und bekämpfen soziale Vorurteile. Sie unterhalten und klären auf. Sie holen armutsgeplagte Menschen aus ihrer Unsichtbarkeit und sozialen Randlage.

Wenn euch also mal wieder eine Parkbank (Braunschweig), ein Donaustrudl (Regensburg), eine Kippe (Leipzig), ein Bodo (Bochum, Dortmund), das HEMPELs (Kiel), das Asphalt-Magazin (Hannover) oder vielleicht sogar eine Big Issue angeboten wird, denkt zweimal nach, bevor ihr vorbeieilt

von Freya


James Bowen: A Street Cat Named Bob. Hodder and Stoughton Ltd., 2012. 
James Bowen: The World According to Bob. Hodder & Stoughton, 2013.
James Bowen: Bob, der Streuner. Bastei Lübbe, 2013.
James Bowen: Bob und wie er die Welt sieht. Bastei Lübbe, 2014. 


http://archiv.nationalatlas.de/wp-content/art_pdf/Band12_114-115_archiv.pdf 
http://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/notizbuch/strassenzeitungen-weltweit-biss-jubilaeum-100.html 
http://www.strassenfeger.org/archiv/article/2148.0002.html 
http://www.tagessatz.de/geschichte_der_strassenmagazine.html


Montag, 15. September 2014

lesErLeben ist 4!


Still und unbemerkt - auch von uns, ähem - ist unser Literaturclub 4 Jahre alt geworden! Und zwar schon Mitte August. 

Aber auch mit einem Monat Verspätung möchten wir unseren Geburtstag zum Anlass nehmen, um allen MitleserInnen - ob bei unseren Treffen oder hier auf dem Blog - herzlich Danke zu sagen, für vier wunderbare Jahre Lesefreude!

Und damit geht es auch diese Woche wieder weiter :-)

Freitag, 12. September 2014

Literatur bringt Lebensfreude: Vorlesen im Altenpflegeheim - die dritte!

Letzte Woche waren wir - Sigrid, Julia und ich - wieder einmal zum Vorlesen im Pflegeheim. Wie auch die letzten Male haben wir dabei wieder gemerkt, wie viel der Kontakt zur Außenwelt und zu jungen Leuten alten Menschen bedeutet

Als wir das Heim betraten, saßen unsere Zuhörerinnen schon erwartungsvoll in einer gemütlichen Runde beisammen. Um die sonnigste Jahreszeit auch literarisch ausklingen zu lassen, hatten wir für diesen Anlass Sommer- und Spätsommertexte ausgewählt. Sigrid läutete die Vorleserunde mit einem Auszug aus Astrid Lindgrens Ferien auf Saltkrokan ein, der für die richtige Atmosphäre sorgte - so konnten sich auch unsere Zuhörerinnen fast wie im Urlaub fühlen. Danach lasen wir Gedichte von Goethe, Wilhelm Busch, Christian Morgenstern, Eichendorff und anderen bekannten - sowie einigen weniger bekannten - SchriftstellerInnen. 

Ein bisschen schwedisches Flair mit Ferien auf Saltkrokan
(Foto: Roland Büchter)
Bereits bei Goethes Heideröslein war ziemlich schnell klar, wie viel Freude unser Besuch wieder einmal machte. So unterbrach eine heitere, zierliche Dame schon nach der ersten Strophe mit ihrem zart-zittrigen aber durchaus lebhaften Gesang

Nach dieser unerwarteten aber willkommenen Einlage ging es weiter, und wir bemühten uns natürlich, möglichst laut und deutlich zu lesen. Glücklicherweise hatten wir es diesmal leichter als bei den letzten Treffen, da wir einen Aufenthaltsraum ganz für uns bekamen. Wir hatten dankbare Zuhörerinnen, die sehr konzentriert und interessiert unseren Worten lauschten.

So manch ein Gedicht brachte die Damen zum Lachen, und auch das Pflegepersonal hatte sichtlich Spaß an der Abwechslung. Mittlerweile waren uns einige Gesichter auch schon bekannt, was für Vertrautheit sorgte. Eine richtige Mädelsrunde!

Als die kleine alte Dame, die neben mir im Sessel zu versinken schien, uns mit großen Augen fragte, ob wir ihr schon den nächsten Vorlesetermin nennen könnten, hatte sich die halbe Stunde auch schon wieder doppelt gelohnt. Vielleicht wird beim nächsten Mal ja ein wenig gesungen! Und vielleicht sitzen dann auch wieder ein paar Männer unter uns...

von Freya

Montag, 8. September 2014

Rezension: »Anständig leben« von Sarah Schill

Es ist mal wieder die Zeit im Jahr, in der ich mir Gedanken darüber mache, wie ich eigentlich leben möchte. Das umfasst auch die Frage: Welche Werte sind mir wichtig? Und wie kann ich mein Leben danach ausrichten?

Umwelt- und Tierschutz sowie Gesundheit tauchen immer wieder auf meiner Werte-Liste auf. Das sollten sie eigentlich jeden Tag. Aber wie das immer so ist: Plastikmüll findet man eigentlich total doof, was einem aber erst dann wieder einfällt, wenn man gerade den zweiten gelben Sack für den Monat aus dem Haus schafft.

Seit einigen Jahren werden viele Selbstversuch-Bücher auf dem Markt geworfen: über das Experiment, vegan zu leben, über die Reduktion von Müll, über das SelbstversorgerInnen-Dasein und über die Herausforderung, ein Jahr lang nichts Neues mehr zu kaufen.

Als Gedächtnisstütze für das gute Gewissen und als Motivationsantreiber für gute Taten taugen längst nicht alle. Aber Sarah Schills Buch Anständig leben. Mein Selbstversuch rund um Massenkonsum, Plastikmüll und glückliche Schweine hat auf jeden Fall das Potential, den eigenen Allerwertesten in Gang zu bringen, um die Welt ein bisschen besser zu machen.

Auch wenn Anständig leben in der Tragweite des Experiments nicht so tief geht wie beispielsweise Colin Beavans Barfuß in Manhattan, so hinterlässt das sehr kurzweilige Buch von Sarah Schill nach der Lektüre den Drang, beim Einkaufen und Verzehren doch mal wieder ein bisschen das ethische Gewissen anzuschalten. Denn vor allem das sind ihre Themen: vegane Ernährung und die Vermeidung von Plastikmüll.

Schill beschreibt sehr lesefreundlich und realistisch, was ihr Selbstversuch in ihr auslöst - und auch, welche Reaktionen sie von ihrer Familie und ihrem Umfeld erntet. Was Anständig leben aber nachhaltig macht, ist die sehr kluge Auseinandersetzung der Autorin mit den vielen Vertrickungen, die der Versuch mit sich bringt, ethisch »richtig« zu entscheiden. Denn meist ist es gar nicht so einfach, herauszufinden, was eigentlich ethisch »richtig« ist, und was »falsch«. So führt eine simple Frage wie: Kaufe ich regionale Bio-Milch in der Plastikflasche oder nicht-regionale Bio-Milch in der Glasflasche? bei näherem Hinsehen zu einer Nachmittag-füllenden Recherche- und Denkaufgabe. Dank Sarah Schill lernen wir: Es lohnt sich trotzdem.

Sarah Schill: Anständig leben. Mein Selbstversuch rund um Massenkonsum, Plastikmüll und glückliche Schweine, Südwest Verlag, München 2014.

Von Anne-Kathrin

Freitag, 5. September 2014

Sommerlaune, Lachkrämpfe und ein Stückchen Weltfrieden: Garten-Lesung mit Wladimir Kaminer

Es war schon ein bisschen romantisch an diesem lauen Sommerabend mit seinem blauen Himmel, inmitten von schwer behangenen Apfelbäumen und der unaufhörlich rauschenden Lahn. Die ZuhörerInnen saßen eingemummt auf Picknickbänken während Wladimir Kaminer aus seinen Büchern Mein Leben im Schrebergarten und Diesseits von Eden: Neues aus dem Garten vorlaß und dabei noch allerhand Anekdoten erzählte, über die scheinbar auch die vorbeifliegenden Enten immer wieder herzlich schnattern mussten.

Idyllisch: Apfelbäume und blauer Himmel in Gießen
Wer Kaminers Bücher kennt, dem werden sie nicht zwingend als engagierte Literatur ein Begriff sein, sondern in erster Linie als leichte Kost. Dass Kaminer weiß, wie er sein Talent einsetzen muss, haben die zwei Stunden Entertainment, die er an diesem Abend bot, und die einhergehenden Lachkrampf-erscheinungen deutlich gezeigt. Doch sind seine Werke auch stets eine Gesellschaftsanalyse. Sie leben von kulturellen Vergleichen, nehmen es mit der politischen Korrektheit nicht so genau. Und diese Qualitäten bestimmten auch den Charakter der Lesung.

Nach einer kurzen Einführung von Karina Fenner, der Programmleiterin des Hauptgastgebers Literarisches Zentrum Gießen, begrüßte Kaminer sein Publikum. Und brachte vom ersten Moment an alle zum Lachen. Eine volle Stimme schallte mit kräftigem Akzent über unsere Köpfe und strahlte augenblicklich Charme und Sympathie aus. Es war ein Leichtes, ihm zuzuhören. Und das war auch gut so. Denn es ist unfassbar, was man mit Hilfe einer Schrebergartenmetapher alles für Themen heraufbeschwören kann.

Dafür, dass Kaminer erst durch den Wunsch seiner Frau zum Gärtnern kam, ist seine Liebe dazu beeindruckend groß. In Moskau geboren und seit 1990 in Berlin lebend, hat der Schriftsteller nicht nur zum Thema getextet, er ist dieses Jahr auch Schirmherr beim Berliner Staudenmarkt und hat kürzlich eine europäische Landschaftsgartenreise hinter sich gebracht. »Ich mach' auch Gartenfilme«, kommentierte er seinen Einsatz für Arte und legte sogleich los mit humoristischen und historisch wertvollen Vergleichen verschiedener europäischer Gartenkulturen.

Wladimir Kaminer mit Geschichten über »kriminelle« Kleingärtner
Dafür, dass Kaminer seinen ersten Kleingarten wegen »spontaner Vegetation« und Nichteinhaltung des Bundes-kleingartengesetzes abgeben musste, hat er einen guten Überblick über die Schreber- gartenpolitik. In seinem Lieblingskapitel »Rhabarber« beschreibt er liebevoll seine Außenseiterrolle im Schreber- gartenbetrieb sowie die seiner NachbarInnen, die sich dem Verbot von Nadelbäumen nicht beugen, ihm Eier aus Eigenproduktion für seine Freundschaftsomelettes zur Verfügung stellen oder als selbsternannte WunderheilerInnen die Tierwelt unsicher machen. Geschickt zeichnet er dabei ein Schrebergartenbiotop nach, das der vorherrschenden Mikrodiktatur inklusive »Abfall- und Biotoilettengesetz« und »UNO-Versammlungen« trotzt und dabei zu einer Gemeinschaft zusammenwächst. Von der trennenden Mauer, die durch Straßenbahnschienen ersetzt wurde, bis hin zu dem Lokalstolz der SchrebergärtnerInnen über die eigenen Stasiakten (»sonst ist man nicht mehr Teil der Geschichte«) inklusive KGB-Vergleich mit Papierknappheit-Punchline war alles dabei.

Seine Kleingartenbetrachtungen unterbrach Kaminer regelmäßig mit philophischen Anekdoten zum Tod von Meerschweinchen, Generationskonflikten, der Schwierigkeit des Sprachenlernens und der Feststellung, dass seine Kinder es ihm gerade besonders schwer machten, da es so etwas wie eine »deutsche Pubertät in der Sowjetunion« nicht gab. Für jeden war etwas dabei, und das nicht zuletzt, weil für zwei Stunden jeder von uns irgendwie gleich war: Kaminer schafft es, die Menschen ihre Unterschiede vergessen zu lassen. Die »typisch Deutschen«, die »unsichtbares Unkraut wegbrennen«, auch ohne Fahrräder Helme tragen und als einzige Nation ihren Rhabarber so lieben, dass er sich für ein »Rhabarber-Integrationsprogramm« eignen würde, die Vogelbeerenschnaps-liebenden RussInnen, die ihr giftiges Obst hinter AKWs pflücken, da es dort besonders saftig wächst, die KroatInnen, für die das Meer der einzige Friedhof ist, und die in der Russendisko Zuflucht-suchenden UkrainerInnen sind nicht zuletzt wegen Kaminers sehr familiärem Touch an diesem Abend, nun ja, Familie.

Von Freya 

Wladimir Kaminer: Diesseits von Eden: Neues aus dem Garten. Manhattan, 2013. 
Wladimir Kaminer: Mein Leben im Schrebergarten. Goldmann, 2007.